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„Ein Gefäß für Visionen“

doku.klasseSeit Oktober 2016 #funk(t) das neue Online-Medienangebot der ARD und des ZDF nun schon durch das Netz. Im Interview mit der doku.klasse verrät Programmgeschäftsführer Florian Hager, wer die sprühende Idee zum Namen hatte, was eine Zusammenarbeit mit Star-YouTubern wie LeFloid bringen kann und wer sich eigentlich die ganzen Inhalte ausdenkt.

Im Frühjahr hattet ihr auf eurer Homepage dazu aufgerufen, euch Namensvorschläge für das damals noch „Junge Angebot von ARD und ZDF“ zu schicken. Wie viele Vorschläge habt ihr daraufhin erhalten? Und stammt die Idee zu „funk“ aus einer dieser Einsendungen? Oder von wem kommt der Name?
Über den Aufruf auf unserem Blog haben wir einige, teils sehr unterhaltsame, Namensvorschläge erhalten. Zusätzlich hatten wir noch einen Texter und eine Kreativagentur damit beauftragt, sich einen Namen für das „Junge Angebot von ARD und ZDF“ auszudenken. Obwohl wirklich viele tolle Vorschläge über diese Kanäle kamen, hat vom Gefühl keiner so richtig zu uns gepasst. Wir wollten einen Namen haben, der weder zu angestrengt jugendlich klingt, noch zu polarisierend ist – eine Art Gefäß also, das wir mit unseren Inhalten befüllen und mit unserer Vision aufladen können. Nach vielen Diskussionen und Überlegungen haben wir uns für „funk“ entschieden, weil es kein englisches Modewort ist, das in ein paar Jahren wieder out sein wird, weil es auf unsere Verwurzelung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk anspielt – und weil es sich gut anfühlt und -hört, was vermutlich daran liegt, dass die Idee für „funk“ von einem unserer Mitarbeiter kam. 

Gibt es bei euch eigentlich auch ein Programmgremium bestehend aus jungen Menschen, das mitentscheidet über die Formate und die Inhalte? Wer sucht die Produktionsfirmen aus? Bei wem liegt letztlich die Entscheidung, was bei „funk“ zu sehen ist? 
Es gibt zwar kein direktes junges Programmgremium, aber wir stehen ständig mit unseren NutzerInnen in Kontakt: natürlich über soziale Medien, aber auch ganz direkt und persönlich. Wir veranstalten regelmäßig in unserem Büro und mit der Medienforschung Workshops mit Schulklassen, Jugendzentren oder Uni-Kursen, bei denen wir über unsere Formate diskutieren. Dieser Austausch ist uns extrem wichtig und hilft dabei, Formate zu optimieren. Obwohl unser Team ziemlich jung ist (im Durchschnitt 28), wissen wir natürlich auch nicht genau, wie zum Beispiel 14-Jährige ticken, was und vor allem warum sie etwas interessiert. Die Entscheidung darüber, welche Formate in unserem Netzwerk sind, trifft letzten Endes unser Content-Team und in ganz letzter Instanz die Programmgeschäftsführung – also Sophie Burkhardt und ich. 

Wie lief die Zusammenstellung der Inhalte bisher ab? Worauf wurde besonders Wert gelegt? Was habt ihr für die Zukunft vor?
Bei den 40 Formaten, die wir aktuell im Portfolio haben, haben wir darauf geachtet, dass sich unsere NutzerInnen darüber informieren, orientieren und/oder unterhalten können, wobei die Übergänge zwischen den Bereichen fließend sind. Die „Datteltäter“, eines unserer YouTube-Formate, machen zum Beispiel gesellschaftskritische Satire, die gleichzeitig informiert, unterhält und Orientierung, vor allem für junge Muslime, bietet. Im nächsten Jahr gehen 30 weitere Formate online, unter anderem auch Wissensformate, die einen Nachhilfe-ähnlichen Charakter haben. Außerdem legen wir einen weiteren Schwerpunkt auf Inhalte von und für Frauen, weil wir in diesem Bereich noch viel Bedarf sehen.

Ihr arbeitet für Videos mit YouTubern wie LeFloid zusammen. Wurden die nach ihrem Ruf ausgesucht oder nach ihrer Abonnentenzahl? Was versprecht ihr euch von der Zusammenarbeit?
LeFloid ist eigentlich eine Ausnahme in der Zusammenarbeit. Da er vorher auch schon mit dem SWR kooperiert hat, war die Kooperation erst mal ein Herantasten an die Arbeit mit YouTubern, die ja ganz anderes funktioniert als klassisch beim Fernsehen oder Radio. Natürlich hilft es uns, dass er so viele Abonnenten hat und uns erst mal dabei unterstützt, überhaupt auf „funk“ aufmerksam zu machen. Grundsätzlich arbeiten wir mit Creatern zusammen, die eine Haltung haben, etwas Interessantes machen oder zu sagen haben und suchen sie nicht nur nach Abonnentenzahlen aus. Wir möchten Talente fördern, aber auch etablierten YouTubern die Chance geben, frei von kommerziellen Zwängen Inhalte zu erstellen. Das „Kliemannsland“ zum Beispiel hätte es ohne die Unterstützung von funk wahrscheinlich nie gegeben, weil Fynn seine Inhalte nicht mithilfe von Product Placements und Werbung monetarisieren möchte.

Euer Angebot möchtet ihr vor allem über die sozialen Netzwerke zugänglich machen. Wie gehen ihr dabei mit Themen wie Datenschutz usw. um?
Unsere Inhalte sind auch auf unserer Website (www.funk.net) gebündelt und in einem unabhängigen Player verfügbar. Wir zwingen also niemanden auf soziale Netzwerke, bei denen eine Anmeldung erforderlich ist. Darüber hinaus setzen wir die strengen Datenschutzlinien von ARD und ZDF um.

Eine Frage noch mit einem Blick in die Zukunft: Seht ihr es als eure Aufgabe an, jungen NutzerInnen die Rundfunkgebühren schmackhaft zu machen bzw. diese zu rechtfertigen?
Ich würde die Problematik anders betrachten. Es gibt kaum öffentlich-rechtliche Inhalte, die Menschen zwischen 14 und 29 erreichen oder explizit für sie gemacht sind. Man muss sich in diesem Zusammenhang nur mal überlegen, dass das Durchschnittsalter der ARD- und ZDF-Zuschauer mittlerweile bei über 60 liegt. Wir sehen es also als unsere Aufgabe an, öffentlich-rechtliche Inhalte für Menschen zu schaffen, die Rundfunkbeitrag zahlen (oder zahlen werden) und aktuell im Programm von ARD und ZDF wenig Berücksichtigung finden.

In der doku.klasse beschäftigen wir uns mit dem dokumentarischen Erzählen. Welche Rolle spielen Dokus (neben Reportagen und Magazinen) für „funk“?
Wir haben gerade einen Pitch im Bereich Webdokumentation/Reportage an den Markt gegeben. Unser Ziel ist es, Webdoku-Projekte zu realisieren, die über mehrere Folgen hinweg auf Drittplattformen gesellschaftliche Themen behandeln.

Wir, die junge Zielgruppe, beschäftigen uns von alleine schon viel mit Popkultur.
Wofür bedarf es eines Senders, der das kanalisiert? Worin unterscheidet sich „funk“ vom restlichen Angebot bei YouTube? Und was sind die Unterschiede bzw. Vorteile gegenüber Streaming-Diensten wie Netflix?
„funk“ ist kein Sender, sondern ein Content-Netzwerk, das in erster Linie Inhalte für YouTube und Facebook produziert und das ausschließlich non-linear und im Internet. Die Entscheidung, nur für’s Internet zu produzieren, lag nicht bei uns, sondern an der politischen Beauftragung. Dass wir kein Sender sind, passt aber eigentlich gut zu unserer Strategie, da es unheimlich schwierig ist, eine Marke aufzubauen, die 14- als auch 29-Jährige anspricht. Deshalb stehen unsere Formate erst mal im Vordergrund, während die Dachmarke „funk“ sich zurücknimmt – mindestens bis sie eine gewisse Akzeptanz und Bekanntheit bei den NutzerInnen erreicht hat. Wir haben diese Strategie gewählt, weil wir dorthin gehen möchten, wo unsere NutzerInnen sowieso schon sind – auf Drittplattformen und in sozialen Netzwerken – und gehen nicht davon aus, dass sie von sich aus auf unsere eigene Präsenz stoßen. Bei all unseren Formaten schwingt natürlich immer unser öffentlich-rechtlicher Auftrag mit. Das heißt nicht nur, dass es in unseren YouTube-Videos einfach keine Werbung gibt, sondern dass sie im besten Fall auch noch die Bereiche abdecken, die im Rundfunkstaatsvertrag verankert sind. Wir nehmen den Bildungsauftrag nicht auf die leichte Schulter, versuchen, ihn aber in die Sprache unserer NutzerInnen zu übersetzen.

Das Interview mit Florian Hager ist in der Publikation zur doku.klasse 2016 erschienen. Online steht die vollständige Textsammlung hier zum Nachlesen bereit. Wir wünschen großen Lesegenuss!