Atelier

Weniger Dinos, mehr Dokus mit Klasse!

Ein Plädoyer von doku.klasse-Teilnehmerin Bengisu Yüksel.

Wieso schauen wir, die “jungen Leute”, uns nicht mehr Dokumentarfilme an?

Haben wir keine Zeit (aber schon das dritte Mal „Game of Thrones“ durchgeguckt?), zu viel Schule, Uni oder Arbeit? Oder könnte es sein, dass wir uns von dem, was wir aus dem Fernsehprogramm kennen, in dem es nur Dokus über Dinos, alte Schlösser und Nazideutschland zu geben scheint, schlicht nicht angesprochen fühlen? Wie können wir das ändern?

Die doku.klasse ist für mich besonders: was sie ausmacht ist, dass DokumentaristInnen und potentielle Zuschauer zusammentreffen und sich austauschen, unmittelbar und auf Augenhöhe. Diesen Austausch mit den FilmemacherInnen empfinde ich als Gewinn für beide Seiten: Wir, die Jugendlichen bekommen einen umfangreichen Einblick in die Arbeit an Dokumentarfilmen und ihre Entstehung. Die FilmemacherInnen haben die Möglichkeit, Feedback zu ihrer Projektidee zu erhalten. Es ist ein gutes Gefühl, mal nicht nur reiner Konsument zu sein, sondern sich eingehend mit den Projekt-Exposés und den Arbeitsproben zu beschäftigen und offen die Meinung sagen zu können.

Ich glaube, dass die FilmemacherInnen oft zunächst mit einer gewissen “Publikumsgesprächshaltung” in die Workshops einsteigen, ein wenig distanziert sind. Allerdings sind alle positiv überrascht, wie genau wir uns im Vorfeld mit ihrem eingereichten Exposé beschäftigt haben. Kritik, positive wie negative, wird gut aufgenommen und diskutiert. Aus eigener Erfahrung am Theater weiß ich, wie schwierig es bei intensiver Beschäftigung und kreativer Arbeit ist, einen Schritt zurückzumachen und alles mal von außen zu betrachten. Ich denke, dass die doku.klasse den FilmemacherInnen insbesondere in dieser Hinsicht eine Hilfe ist.

Ein Hoch auf die Filmschaffenden

Bevor ich Teil der doku.klasse wurde, war mir unklar, wie viel zeitintensive Recherche hinter einem Projekt steckt, wie viel Mühe. Oft müssen viele Reisen samt Interviews geführt und Vertrauensarbeit mit ProtagonistInnen geleistet werden. Wer übrigens noch das Bild eines menschenscheuen Kreativen im Kopf hat, sollte sich das nochmal überlegen. Die Bereitschaft, völlig in den Stoff und die Welt der ProtagonistInnen einzutauchen, erstaunt mich immer wieder. Ein Beispiel ist der Stipendiat des letzten Jahres, Andreas Hartmann, der immer wieder mit seinem Protagonisten Kei auf der Straße gelebt hat, um seinen Film “Freier Mensch” zu drehen. Rückschläge, weil etwas nicht klappt oder anders kommt als geplant, sind nicht selten, weshalb ich großen Respekt habe vor der Frustrationstoleranz der FilmemacherInnen, die ich kennenlernen durfte.

Einer meiner Lieblingsaspekte beim Dokumentarfilm, über den ich in der doku.klasse viel gelernt habe, ist der Einsatz von stilistischen Mitteln, sei es eine besondere Kameraführung, Farbgebung oder Ton, die eine bestimmte Stimmung erzeugen oder Assoziationen hervorrufen (oft ohne, dass der Zuschauer viel davon mitkriegt). Über solche Details wird in den Workshops immer wieder am meisten diskutiert.

Es sind diese intensiven Diskussionen, warum ich so gerne bei diesem Projekt dabei bin: wegen Momenten, in denen alle hochkonzentriert über einen Filmtitel nachdenken oder der Film in meiner Vorstellung klare Konturen annimmt und “wächst”. Wegen der Liebe zum Detail aller TeilnehmerInnen, FilmemacherInnen und des doxs!-Teams, den Methoden und dem Sachverständnis, das wir mitbekommen und natürlich, nicht zu vergessen: wegen der richtig guten Filme, die wir sehen.

Ich freue mich schon auf das nächste Mal und auf den vollen Kopf, der mich nach den Workshops immer für einige Zeit begleitet. Und der mich von Filmen träumen lässt, die ich hoffe, irgendwann zu sehen.

doku.klasseBengisu Yüksel (19) studiert Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Ruhr-Universität in Bochum, wo sie auch wohnt. Wenn sie nicht gerade versucht, der Textflut, die ihr Studium mit sich bringt, Herrin zu werden und anderen zu versichern, dass sie wirklich immer noch gerne liest, geht sie ins Theater. Bengisu ist seit 2015 Mitglied der doku.klasse.