{"id":1089,"date":"2016-10-11T21:15:28","date_gmt":"2016-10-11T19:15:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=1089"},"modified":"2018-05-23T13:26:15","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:15","slug":"wir-machen-eine-show-und-wenn-ich-das-nicht-packe-flieg-ich-halt-raus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wir-machen-eine-show-und-wenn-ich-das-nicht-packe-flieg-ich-halt-raus\/","title":{"rendered":"\u201eEs ist eine Show und die muss funktionieren. Und wenn ich das nicht auf die Reihe kriege, dann flieg ich halt raus\u201c"},"content":{"rendered":"<h4>Mit einem Publikumsgespr\u00e4ch stellte Bernd Sahling sein H\u00f6rst\u00fcck\u00a0&#8222;In ihrer Welt&#8220; f\u00fcr Deutschlandradio Kultur am Samstag,\u00a015. Oktober\u00a0in Duisburg vor.\u00a0<\/h4>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Vorab hatte\u00a0uns der Filmemacher und Autor\u00a0schon einige Fragen beantwortet:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vor 12 Jahren hast Du den Dokumentarfilm &#8218;Unter Sehenden&#8216; gemacht. Wie kam es jetzt zu der Produktion eines dokumentarischen H\u00f6rst\u00fccks mit den ProtagonistInnen von damals?<\/strong>Der Film von 2004 erz\u00e4hlt von der Schulzeit. Er endet aber mit der famili\u00e4ren und beruflichen Situation der ProtagonistInnen. Ich war einfach neugierig, wie ihr Leben 12 Jahre sp\u00e4ter aussieht. Ich konnte auch nicht alle, die damals vor der Kamera standen, ausfindig machen.<\/p>\n<p><strong>Wie haben die Rahmenbedingungen und M\u00f6glichkeiten der jeweiligen Medien, einerseits Film, andererseits H\u00f6rfunk, auf Deine Arbeit Einfluss genommen? Wie bist Du damit pers\u00f6nlich umgegangen, dass Du mit ProtagonistInnen einen Film machst, die selbst diese Bilder nicht wahrnehmen k\u00f6nnen?<br \/> <\/strong>Wenn es um Blindheit, Schule und die Lebenssituation danach geht, dann ist Radio ein gutes Medium, um sich auszutauschen. Der Film von 2004 ist auch ein Interviewfilm. Wir haben die ehemaligen Sch\u00fclerInnen des Steglitzer Gymnasiums in ihren Wohnungen getroffen und lange Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. So wurde es auch geschnitten. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist es immer wieder aufregend, wenn ich etwas ausprobieren kann, das ich vorher noch nie gemacht habe. Es gibt ja fast keinen Autorenkommentar in dem H\u00f6rst\u00fcck und lange Monologe.<\/p>\n<p><strong>Und hattest Du andererseits bei der Arbeit f\u00fcr das H\u00f6rst\u00fcck das Gef\u00fchl, Dich st\u00e4rker in ihrer Welt \u2013 der Ger\u00e4usche, Gespr\u00e4che und T\u00f6ne, zu bewegen? Oder war es f\u00fcr Dich als Filmemacher eher schwierig, ganz ohne Bilder ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen?<br \/> <\/strong>Viele meiner Filme haben reduzierte Dialoge und versuchen, die Geschichte \u00fcber Vorg\u00e4nge und Handlungen zu erz\u00e4hlen. Das hei\u00dft aber nicht, dass die Tonarbeit bei diesen Projekten zu kurz gekommen ist. Der Ton wurde bereits im Drehbuch f\u00fcr die Handlung und die Dramaturgie der Geschichte bedacht, ebenso die Musik. Mal ganz ohne Bild arbeiten zu d\u00fcrfen, habe ich eher als Erleichterung empfunden. Weil auch viele technische Anforderungen an die Aufnahmen wegfallen. Gew\u00f6hnen musste ich mich daran, dass ich ganz auf mich gestellt bin, wenn ich die Gespr\u00e4che f\u00fchre. Ich habe nur eine Kamera als Aufnahmeger\u00e4t, die musste ich f\u00fcr die Tonaufnahmen mitschleppen samt Stativ. Und geschnitten habe ich das H\u00f6rst\u00fcck dann doch mit einem Bild, weil ich mich dadurch besser orientieren konnte.<\/p>\n<p><strong>Worin siehst Du die gr\u00f6\u00dften Unterschiede in der Arbeit als Autor eines H\u00f6rst\u00fccks und der als Filmregisseur?<br \/> <\/strong>Definitiv in der Bezahlung. Was ich nicht so recht nachvollziehen kann. Eine gute Geschichte im H\u00f6rfunk zu erz\u00e4hlen, ist nicht weniger Arbeit, als f\u00fcr einen TV-Sender oder das Kino zu arbeiten. Immerhin beh\u00e4lt man als Autor die Rechte, was es bei Film und Fernsehen schon lange nicht mehr gibt.\u00a0Ansonsten gelten f\u00fcr beide Medien die gleichen Anforderungen: Geschichten erz\u00e4hlen, die Einblicke erm\u00f6glichen, Menschen einander n\u00e4herbringen und den Zuh\u00f6rer oder Zuschauer ber\u00fchren. Das ist nur zu schaffen, wenn viel Zeit in ein Projekt investiert wird.<\/p>\n<p><strong>In Deinem Radiofeature erinnern sich die Protagonisten\/innen an ihre Zeit als blinde Integrationssch\u00fcler\/innen an Regelschulen. Welche Erfahrungen haben sie w\u00e4hrend dieser Zeit gemacht und wie reflektieren sie die nun mit zeitlichem Abstand?<br \/> <\/strong>Es gibt bei allen die Erinnerung an die fr\u00fchen Schuljahre, wo die \u201eWelt noch in Ordnung war\u201c, wie Hannah sagt. Kinder nahmen das Anderssein viel eher hin und freundeten sich damit an, als es sp\u00e4ter, in den h\u00f6heren Klassenstufen, der Fall war. Da gingen bei fast allen die Probleme mit der Ausgrenzung los.<\/p>\n<p><strong>Dein Dokumentarfilm aus dem Jahre 2004 hatte den Titel \u201eUnter Sehenden\u201c, Dein aktuelles H\u00f6rst\u00fcck hei\u00dft \u201eIn ihrer Welt\u201c. W\u00e4hrend der Filmtitel eine \u201eGemeinschaft\u201c zum Ausdruck bringt, schwingt in dem H\u00f6rst\u00fcck-Titel doch mit, dass Du eher getrennte Sph\u00e4ren beschreibst. Entspricht dieses Verst\u00e4ndnis der Titel der Entwicklung, wie du sie Jahre sp\u00e4ter wahrgenommen hast?<br \/> <\/strong>Schule ist ja bei aller H\u00e4rte, die sie mit sich bringen kann, ein gesch\u00fctzter Raum. Die Trennung der Welten wird in dem Moment gr\u00f6\u00dfer, wo allein die Leistungsf\u00e4higkeit z\u00e4hlt. Das beschreibt Silke sehr genau. Aber auch Jonas, der sagt: \u201eEs ist eine Show und die muss funktionieren. Und wenn ich das nicht auf die Reihe kriege, dann flieg ich halt raus.\u201c Auch im privaten Bereich haben alle vier Gespr\u00e4chspartnerInnen sich in Menschen verliebt, die ein \u00e4hnliches Handicap haben. Das erz\u00e4hlt ja erst mal nichts aus \u00fcber Zufriedenheit oder Gl\u00fcck. Hannah hat nach dem Rohschnitt am Telefon gesagt, dass sie total erschrocken war, wie deprimiert sie 2004 gewesen ist. Und dass es sehr sch\u00f6n sei, dass es jetzt nicht mehr so ist.<\/p>\n<p><strong>Der Protagonist Jonas spricht sehr anschaulich \u00fcber die Bedeutung des H\u00f6rsinns und beschreibt was das H\u00f6ren f\u00fcr ihn ausmacht. Hat sich an Deiner Sinneswahrnehmung durch die Gespr\u00e4che mit den Protagonisten etwas ge\u00e4ndert?<br \/> <\/strong>Ich nehme aus solchen Begegnungen, wie sie bei intensiven Gespr\u00e4chen vor einer Kamera stattfinden, immer viel mit in mein eigenes Leben. H\u00f6ren und Zuh\u00f6ren ist in der Bilderflut des Alltags keine einfache Sache mehr. Daf\u00fcr m\u00fcssen R\u00e4ume und Situationen erst wieder geschaffen werden, gerade wenn es um unseren Umgang mit Kindern geht. Genau darauf bezieht sich Jonas, auf die Situationen mit seinem Sohn. Die Reiz\u00fcberflutung f\u00fchrt ja zu einer Oberfl\u00e4chlichkeit der Wahrnehmungen und damit auch zu einer gewissen Unzufriedenheit und dem unguten Gef\u00fchl, etwas zu verpassen.<\/p>\n<p><strong>Kannst Du berichten wie Deine ProtagonistInnen die Mitarbeit an dem H\u00f6rst\u00fcck bzw. dem Dokumentarfilm empfanden?\u00a0<br \/> <\/strong>Alle vier haben viel um die Ohren, sowohl beruflich als auch privat. Dennoch haben sie sofort zugesagt, sich die Zeit f\u00fcr ein erneutes Treffen freizuschaufeln. Sie hatten die Gespr\u00e4che von 2004 noch gut in Erinnerung. Auch ich habe unser damaliges Rohschnittgespr\u00e4ch in der Schule deutlich vor Augen. Alle ProtagonistenInnen waren da, der Direktor und einige Lehrer. Nach der Vorf\u00fchrung war gro\u00dfes Schweigen. Den Gesichtern der ehemaligen Integrationssch\u00fclerIinnen konnte man Zustimmung entnehmen: ja, so war das. Die Lehrer hingegen hatte der Film sehr nachdenklich und betroffen gemacht. Das war in dieser Offenheit neu f\u00fcr sie. Umso mutiger empfand ich es, den Film, so wie er war, bei der Feier zu 25 Jahren Integration am Fichtenberg-Gymnasium zu zeigen. Geladen waren schlie\u00dflich auch F\u00f6rderer und Politiker. Und wieder gab es betroffenes Schweigen nach der Vorf\u00fchrung. Und einen sehr langen Applaus im Anschluss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Publikumsgespr\u00e4ch stellte Bernd Sahling sein H\u00f6rst\u00fcck\u00a0&#8222;In ihrer Welt&#8220; f\u00fcr Deutschlandradio Kultur am Samstag,\u00a015. 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