{"id":1469,"date":"2017-10-19T12:40:18","date_gmt":"2017-10-19T10:40:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=1469"},"modified":"2018-05-23T13:26:15","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:15","slug":"bilder-statt-rollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/bilder-statt-rollen\/","title":{"rendered":"Bilder statt Rollen"},"content":{"rendered":"<h3><em>\u00dcber jemanden oder mit jemandem sprechen? Von oben herab schauen oder auf Augenh\u00f6he sein? Position beziehen und beziehen lassen. Regisseurin Pantea Lachin hat mit den TeilnehmerInnen der doku.klasse gemeinsam \u00fcberlegt, wie ein respektvolles dokumentarisches Portrait \u00fcber zwei achtzehnj\u00e4hrige Gefl\u00fcchtete gelingen kann.<\/em><\/h3>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eStehen die Protagonisten denn als Personen im Vordergrund oder geht es mehr um ihre <br \/>\n Situation?\u201c Als eine junge Teilnehmerin der doku.klasse Pantea Lachin diese Frage stellt, entsteht eine kleine Pause. Man merkt, dass die junge Frau ins Schwarze getroffen hat: Dass sie ein Problem, das nicht auf die Schnelle gel\u00f6st werden kann und noch schwerer in Bilder zu kleiden ist, auf den Punkt gebracht hat. Lachin \u00fcberlegt kurz und sagt dann \u2013 nicht ausweichend, sondern selbstbewusst \u2013 \u201eBeides!\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-1474 size-medium\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/IMG_0970-400x247.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0970-400x247.jpg 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0970-768x474.jpg 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0970-1200x740.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p>Immer wieder kreist die Gespr\u00e4chsrunde, in der sich die Berliner Filmemacherin mit den jungen Erwachsenen austauscht, genau darum: Wie kann ein dokumentarisches Projekt den Menschen gerecht werden, die es zeigt? Wie einen Film realisieren, der Personen als von sozialen und politischen Umst\u00e4nden getrieben zeigt, ohne auf sie herabzusehen, sie gewisserma\u00dfen als leere Schachfiguren zu verstehen? Ein Balanceakt.<\/p>\n<p>Pantea Lachin plant einen Film \u00fcber Soheil und Yasser. Die beiden Achtzehnj\u00e4hrigen kamen vor zwei Jahren unter unterschiedlichen Umst\u00e4nden aus Afghanistan nach Berlin. Die Regisseurin erkl\u00e4rt, gerade im Umgang mit der sogenannten Fl\u00fcchtlingskrise sei man oft mit Berichten konfrontiert, die die Betroffenen von oben herab behandelten, sie nicht als eigenst\u00e4ndige Menschen, sondern als Rollenbilder behandle. Lachin setzt dem ein anderes Konzept entgegen: \u201eIch will Interesse statt Mitleid sichtbar machen, will Menschen statt Situationen zeigen.\u201c<\/p>\n<p>Schnell wird deutlich, dass viele der Jugendlichen unmittelbar\u00a0an das Thema ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen. \u00dcber Begegnungen in der Schule \u2013 zum Beispiel mit \u201eInternationalen Klassen\u201c \u2013 sowie die mediale Berichterstattung haben sie eigene Erfahrungen gemacht und sind mit den g\u00e4ngigen Bildern vertraut. Sie kennen sowohl gefl\u00fcchtete Menschen als auch die politische Debatte rund um Migration. Gefragt, was sie an dem Schicksal von Soheil und Yasser interessieren w\u00fcrde, antworten die TeilnehmerInnen vielmehr mit einf\u00fchlend pers\u00f6nlichem als mit analytischem Interesse: \u201eIch frage mich, ob die beiden ihren Alltag im Jetzt f\u00fchren k\u00f6nnen oder entweder in der traurigen Vergangenheit oder der ungewissen Zukunft leben,\u201c sagt ein Teilnehmer. Darauf ein anderer \u201eWie ist es denn mit der Romantik? K\u00f6nnen die beiden \u00fcberhaupt jemanden kennenlernen, wenn sie immer gleich Angst haben m\u00fcssen, wieder abgeschoben zu werden?\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1472 size-medium\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/IMG_0954-400x267.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"267\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0954-400x267.jpg 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0954-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0954-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0954-840x560.jpg 840w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>Lachin nimmt diese Fragen auf und macht deutlich, dass es ihr in ihrem Projekt besonders um die Gegenwart der beiden gefl\u00fcchteten jungen M\u00e4nner geht. Zwar k\u00f6nne und wolle sie deren Geschichte zu keinem Moment ausblenden, aber eben auch nicht ausschlachten. Das t\u00e4ten schon genug dokumentarische Formate: \u201eIch will nicht noch einen Fl\u00fcchtlingsfilm machen, der als Problemfilm daherkommt.\u201c sagt sie entschieden. Ein Teilnehmer wendet ein, die Regisseurin m\u00fcsse aber auch aufpassen, ihr Vorhaben nicht zu sehr in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen: \u201eEin zu netter, ich sage mal, mild-m\u00fctterlicher Ansatz darf es aber auch nicht werden. Wenn es ganz unkritisch wird, ist das auch wieder problematisch.\u201c Ein Balanceakt also.<\/p>\n<p>Aycha Riffi, doku.klassen-Medienp\u00e4dagogin der ersten Stunde, hakt bei einem zentralen Anspruch des Expos\u00e9s nochmal nach: \u201eWas macht f\u00fcr euch einen Film auf Augenh\u00f6he aus? Stellt euch mal vor, es w\u00fcrde jemand einen Film \u00fcber euch machen \u2013 was hie\u00dfe Augenh\u00f6he dann?\u201c Die Jugendlichen antworten, sie w\u00fcrden erwarten, respektvoll behandelt und nicht in Schubladen gesteckt zu werden. Sie w\u00fcrden vor allem keine Angst davor haben wollen, zu viel zu von sich zu offenbaren. Eine Frage des Vertrauens.<\/p>\n<p>Zu Beginn der doku.klasse hatte Lachin berichtet, wie sie ihre beiden Protagonisten kennenlernte, und dass dies ein langsamer und behutsamer Prozess gewesen sei. Alle m\u00fcssten immer neu abw\u00e4gen, was sie erwarten. Im Gespr\u00e4ch um das Problem des Filmens auf Augenh\u00f6he kommt das Thema der Abw\u00e4gung und der verschiedenen Interessen von Filmemacherin und Gefilmten wieder auf. \u201eWie ein Vertrag\u201c sei das, sagt eine Teilnehmerin. Ein anderer fragt geradeheraus: \u201eWas bekommen denn Soheil und Yasser im Gegenzug?\u201c<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nne den beiden ihre Hilfe in allt\u00e4glichen Dingen wie Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen anbieten, sei aber ansonsten schlicht darauf angewiesen, dass ihre Protagonisten Lust h\u00e4tten, mit ihr zu drehen \u2013 dokumentarisch zu arbeiten, hie\u00dfe dann sogar manchmal, sich einen Plan B zurechtlegen zu m\u00fcssen. Lachin ist allerdings optimistisch. Sie berichtet, dass sie gerade deshalb zuversichtlich sei, weil sie den Eindruck habe, zwischen ihr und ihren Protagonisten bestehe das angesprochene Vertrauen.<\/p>\n<p>Der Gefahr, sich in dem Film \u00fcber die Gefl\u00fcchteten zu erheben \u2013 und damit gerade nicht auf <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-1475 \" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/IMG_0973-1200x718.jpg\" alt=\"\" width=\"476\" height=\"285\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0973-1200x718.jpg 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0973-400x239.jpg 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0973-768x460.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 476px) 100vw, 476px\" \/>Augenh\u00f6he zu sein \u2013 begegnet Lachin mit ihrer Kameraarbeit. Einerseits m\u00f6chte sie verfremdend experimentell vorgehen: Perspektiven hinterfragen und im Bild verschieben. Andererseits will sie Soheil und Yasser dazu einladen, die Grenze zwischen Regie und Protagonisten aufzuweichen: Die beiden sollen sich gegenseitig filmen. Damit w\u00fcrden sie weniger Gegenstand eines Blicks von au\u00dfen, sondern h\u00e4tten Gelegenheit den Blick auf sich selbst und aufeinander mitzubestimmen. Der Versuch, einen Film als Balanceakt anzulegen, nicht \u00fcber, sondern mit den Protagonisten zu arbeiten, w\u00fcrde so im Bild direkt sichtbar.<\/p>\n<p>\u201eWessen Film ist es denn dann am Ende? Deiner oder der deiner Protagonisten?\u201c, fragt eine Teilnehmerin rhetorisch. Wieder entsteht eine kleine Pause. Diesmal, weil die jungen Erwachsenen, die inzwischen auch ein Teil dieses Projektes geworden sind, genauso wie Pantea Lachin wissen, dass die Antwort bei diesem Projekt nur lauten kann: Es wird der Film beider.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber jemanden oder mit jemandem sprechen? Von oben herab schauen oder auf Augenh\u00f6he sein? Position beziehen und beziehen lassen. Regisseurin Pantea Lachin hat mit den TeilnehmerInnen der doku.klasse gemeinsam \u00fcberlegt, wie ein respektvolles dokumentarisches Portrait \u00fcber zwei achtzehnj\u00e4hrige Gefl\u00fcchtete gelingen kann.<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":1478,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[66,56,59,16],"class_list":["post-1469","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-atelier","tag-un-gleiche-freunde","tag-doku-klasse-2017","tag-pantea-lachin","tag-workshop"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/IMG_0967.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1469"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1522,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469\/revisions\/1522"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1478"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}