{"id":1503,"date":"2017-11-13T15:50:59","date_gmt":"2017-11-13T13:50:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=1503"},"modified":"2018-05-23T13:26:14","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:14","slug":"wenn-die-zeit-stillsteht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wenn-die-zeit-stillsteht\/","title":{"rendered":"\u201eWenn die Zeit stillsteht\u201c"},"content":{"rendered":"<h2><em>Eine Filmkritik von Finn Schenkin zu Florian Barons Film \u201eJoe Boots\u201c (2017) &#8211;\u00a0entstanden in der 3sat-Reihe \u201cAb 18!\u201d<\/em><\/h2>\n<p>Der Dokumentarfilm \u201eJoe Boots\u201c von Florian Baron aus dem Jahr 2017 erz\u00e4hlt die Geschichte des gleichnamigen Protagonisten, der sein Leben freiheraus schildert. Der Zuschauer erf\u00e4hrt, wie der junge US-Amerikaner Joe Boots zum Milit\u00e4r kam, was er dort erlebte und wie er anschlie\u00dfend zwischen Posttraumatischer Belastungsst\u00f6rung (PTBS), Depression und Alkoholsucht \u201emit dem Tod tanzte\u201c. Dabei gelingt es dem Film durch seine geschickte Verkn\u00fcpfung von Bild und Ton, die f\u00fcr den Zuschauer surreale Welt des kriegsgesch\u00e4digten Protagonisten auf die bekannte Alltagswelt zu \u00fcbertragen. So ist zu verstehen, wie der Krieg einen Menschen ver\u00e4ndern kann.<!--more--><\/p>\n<p>\u201e<em>I was such a fucking asshole<\/em>\u201c &#8211; mit diesen rauen Worten stellt sich die charismatische Stimme aus dem Off mit S\u00fcdstaatenakzent vor. Es dauert eine Weile bis der Zuschauer den Protagonisten das erste Mal sehen kann \u2013 und dann auch nur aus der Verfolgerperspektive. Sein Gesicht ist unter den langen lockigen Haaren erst zu erkennen, als er seelenruhig eine Yoga-\u00dcbung macht. Dieser Mensch scheint nicht zur anf\u00e4nglichen Beschreibung zu passen, doch Joe erkl\u00e4rt, wer er war und was aus ihm wurde.<br \/>\n Bereits als Kind interessiert er sich f\u00fcr das Milit\u00e4r und nach den Terroranschl\u00e4gen vom 11. September beschlie\u00dft er, der Armee beizutreten. Sein Leben ver\u00e4ndert sich drastisch mit einem Anruf: Er wird einer Operation im Mittleren Osten zugeteilt. Mit klaren Worten schildert er das Suchen nach Bomben, Schussgefechte mit Kindern und das Gef\u00fchl, dass jeder Tag der letzte sein k\u00f6nnte.<br \/>\n Als er in die USA zur\u00fcckkehrt, ist nichts mehr wie es war. Er f\u00fchlt sich taub, hat sich nicht mehr unter Kontrolle, f\u00e4ngt an zu trinken und ist w\u00fctend auf sich und die Welt \u2013 eine Posttraumatische Belastungsst\u00f6rung, wie die \u00c4rzte ihm diagnostizieren. Joes Leben ger\u00e4t vollkommen aus den Fugen, bis eine weitere Diagnose und eine wichtige Erkenntnis ihn auf einen neuen Weg bringen.<\/p>\n<p>Der Film l\u00e4sst den Zuschauer am Leben des Protagonisten teilhaben. In einigen Szenen spricht Joe direkt in die Kamera \u2013 sei es w\u00e4hrend er beim Autofahren singt oder Paprika schneidet. Diese Alltagsmomente verlieren sich jedoch nicht in Belanglosigkeit, sondern machen deutlich, welchen gro\u00dfen Einfluss der Milit\u00e4reinsatz nach wie vor auf Joes Leben hat.\u00a0So ist das Singen f\u00fcr ihn eine Best\u00e4tigung, dass er wieder ein gl\u00fccklicherer Mensch ist und beim Schneiden der Paprika st\u00f6hnt er, als h\u00e4tte er Schmerzen \u2013 es erinnert ihn an den Krieg.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Zuschauer noch dar\u00fcber nachdenkt, wechselt der Film pl\u00f6tzlich die Perspektive: Die Kamera befindet sich nicht mehr neben ihm, sondern verfolgt wieder seine eiligen Schritte. Das Gef\u00fchl ihm nah zu sein verschwindet. Immer, wenn man glaubt ihn verstehen zu k\u00f6nnen, bietet der Film eine neue Wendung, eine neue Kameraperspektive oder einige besondere Szenen, die befremdlich wirken.<\/p>\n<p>In diesen Filmabschnitten wird die vertraute Umwelt einer Stadt mit ihren Bewohnern und deren allt\u00e4glichen T\u00e4tigkeiten entfremdet. Das geschieht durch einen Zeitlupen-Effekt, der Menschen wie Puppen wirken l\u00e4sst und Bildfiltern wie einem Gr\u00fcnstich oder hoher Farbs\u00e4ttigung.<\/p>\n<p>Was sich dabei nicht \u00e4ndert, ist Joes Stimme. Eine Szene beispielsweise zeigt in Zeitlupe Bl\u00e4tter, die explosionsartig von einem Laubgebl\u00e4se aufgewirbelt werden, w\u00e4hrend er von einer detonierenden Bombe erz\u00e4hlt. Dadurch untermalen die Bilder stimmungsvoll Joes Geschichte. Er erkl\u00e4rt zudem, dass der Krieg den K\u00f6rper auf Hochtouren bringt. Dadurch, scheint die Zeit stillzustehen. Der Zuschauer sp\u00fcrt, wie dabei das Bekannte surreal wirken kann.<\/p>\n<p>Surreal und seiner eigentlichen Pers\u00f6nlichkeit fremd waren auch jene Momente, die Joe w\u00e4hrend seiner PTBS und Alkoholsucht erlebt hatte. Dem Film gelingt es, dem Zuschauer nicht nur Joes Geschichte emotional zu erz\u00e4hlen, sondern seine erlebte Entfremdung und Kriegsgeschichte auch filmisch erfahrbar zu machen.<\/p>\n<p>So schafft es Florian Barons Produktion, dem Zuschauer das schwierige Thema PTBS durch die spannende Geschichte des Protagonisten n\u00e4herzubringen. Die starke Erz\u00e4hlstruktur wirkt dabei wie ein Spiegel zum Protagonisten: au\u00dfergew\u00f6hnlich und sich \u00fcberschlagend. \u201eJoe Boots\u201c ist ein Dokumentarfilm mit Tiefe, der durch das besondere Zusammenspiel des Protagonisten und den filmischen Elementen fesselt.<\/p>\n<p><strong>In voller L\u00e4nge ist &#8222;Joe Boots&#8220; in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln<a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&amp;obj=69504\"> hier<\/a> in der 3sat-Mediathek zu finden. Eine deutsche Voice-Over-Fassung gibt es <a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&amp;obj=69533\">hier<\/a>.\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Filmkritik von Finn Schenkin zu Florian Barons Film \u201eJoe Boots\u201c (2017) &#8211;\u00a0entstanden in der 3sat-Reihe \u201cAb 18!\u201d Der Dokumentarfilm \u201eJoe Boots\u201c von Florian Baron aus dem Jahr 2017 erz\u00e4hlt die Geschichte des gleichnamigen Protagonisten, der sein Leben freiheraus schildert. Der Zuschauer erf\u00e4hrt, wie der junge US-Amerikaner Joe Boots zum Milit\u00e4r kam, was er dort erlebte und wie er anschlie\u00dfend zwischen Posttraumatischer Belastungsst\u00f6rung (PTBS), Depression und Alkoholsucht \u201emit dem Tod tanzte\u201c. Dabei gelingt es dem Film durch seine geschickte Verkn\u00fcpfung von Bild und Ton, die f\u00fcr den Zuschauer surreale Welt des kriegsgesch\u00e4digten Protagonisten auf die bekannte Alltagswelt zu \u00fcbertragen. 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