{"id":1529,"date":"2017-11-12T16:51:22","date_gmt":"2017-11-12T14:51:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=1529"},"modified":"2018-05-23T13:26:14","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:14","slug":"ein-zimmer-fuer-zwei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/ein-zimmer-fuer-zwei\/","title":{"rendered":"Ein Zimmer f\u00fcr Zwei"},"content":{"rendered":"<p><strong>Beim diesj\u00e4hrigen doxs!-Festival liefen gleich drei Filme, deren Stoffe im vergangenen Jahr in der doku.klasse diskutiert wurden. Den Schlusspunkt bildete die Festivalpremiere von \u201eDu warst mein Leben\u201c von Rosa Hannah Ziegler, einem dokumentarischen Kammerst\u00fcck \u00fcber eine spannungsreiche Mutter-Tochter-Beziehung. Die Intensit\u00e4t des Gezeigten lie\u00df niemanden kalt.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>&#8222;Wir k\u00f6nnte ja heute vielleicht mal ein bisschen reden. Dann gucken wir einfach, was passiert.&#8220; (Yasmin)<\/em><strong><br \/>\n <\/strong><\/p>\n<p>Zwei Frauen in einem vielst\u00f6ckigen Beton-Hotel auf Borkum. Im Hintergrund das Meer, der Ausblick ist diesig, es k\u00f6nnte sch\u00f6ner sein. Nach einer langen Zeit des Schweigens starten Yasmin und ihre Mutter Eleonore einen neuen Versuch, um sich auszusprechen und zueinander zu finden. Einfach gucken, was passiert. Das Gespr\u00e4ch beginnt stockend, gewinnt an Fahrt, bricht ab, flammt wieder auf, fasert aus. Reden, nicht reden, nur dasitzen, rauchen. Die Vergangenheit h\u00e4ngt wie Smog in der Luft, die M\u00f6wen tanzen \u00fcber dem Balkon.<\/p>\n<p>2016 stellte Rosa Hannah Ziegler ihren Stoff in der doku.klasse vor. Damals war noch v\u00f6llig unklar, ob es \u00fcberhaupt zu dem Treffen zwischen Mutter und Tochter kommen w\u00fcrde. Zu tief war der Bruch zwischen den beiden, zu gro\u00df die Angst vor einem Scheitern der Begegnung. Und Eleonore musste bereit und stark genug sein, um sich der Kamera zu stellen und \u00f6ffentlich dar\u00fcber zu sprechen, wie sie Yasmin und ihren Bruder als Kinder vernachl\u00e4ssigt und n\u00e4chtelang sich selbst \u00fcberlassen hat.<\/p>\n<p>\u201eEs war ein langer Ann\u00e4herungsprozess\u201c, erz\u00e4hlte Rosa Hannah Ziegler nach der Festivalpremiere von \u201eDu warst mein Leben\u201c. Ein halbes Jahr lang habe sie sich wieder und wieder mit Eleonore getroffen, damit sie ein Gef\u00fchl f\u00fcreinander bek\u00e4men \u201eWir sa\u00dfen bei ihr in der K\u00fcche und redeten \u2013 und irgendwann begann sie, immer mehr von ihrem Leben zu erz\u00e4hlen.\u201c Was ihr wichtig war: \u201eDas Bed\u00fcrfnis, sich mit Yasmin auszusprechen und dabei gefilmt zu werden, musste von Eleonore kommen.\u201c<\/p>\n<p>Das Risiko, dass vor oder auch noch w\u00e4hrend des Drehs das Projekt platzen k\u00f6nnte, blieb bis zuletzt bestehen. Die Regisseurin bedankte sich ausdr\u00fccklich bei ihrem Redakteur Daniel Sch\u00f6ssler von 3sat, der ihr f\u00fcr jeden Fall die volle Unterst\u00fctzung zugesichert hatte. Sch\u00f6ssler war einer von mehreren Kooperationspartnern und F\u00f6rderern der doku.klasse, die sich im Duisburger filmforum eingefunden hatten: Katya Mader, Ingrid Gr\u00e4nz (3sat-Filmredaktion), Johannes Dicke (Stabsstelle Programmplanung ZDF\/3sat) waren wie in den Vorjahren gekommen ebenso wie Ruth Schiffer, die Filmreferentin des Landesministeriums f\u00fcr Kultur und Wissenschaft. Dazu hatten mit Florian Baron und Kilian Helmbrecht zwei weitere Stipendiaten der doku.klasse 2016 den Weg ins Ruhrgebiet gefunden \u2013 und mit Pantea Lachin, Gerd Breiter und Andreas Bolm drei Akteure der aktuellen Klasse. Aycha Riffi von der Grimme-Akademie f\u00fchrte durch die Veranstaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>&#8222;Ich m\u00f6chte wieder eine Basis mit dir finden. Du und dein Bruder seid das, was mich am Leben h\u00e4lt.&#8220;<\/em> (Eleonore)<\/p>\n<p>\u201eDu warst mein Leben\u201c ist ein extrem dichtes, auf den Punkt komponiertes dokumentarisches Kammerst\u00fcck. Im Narrativ der Dialoge und langen Gespr\u00e4chspausen formiert sich die Geschichte einer fortdauernden Entt\u00e4uschung, von alten und neuen Verletzungen und Vorw\u00fcrfen und permanenten Missverst\u00e4ndnissen. Kommunikation ist f\u00fcr Yasmin und Eleonore der einzige Weg zur Kl\u00e4rung, vielleicht sogar Vers\u00f6hnung, und doch scheint sie rettungslos verfahren zu sein. Ein Hin und Her, Vor und Zur\u00fcck. \u201eDu warst mein Leben\u201c ist kein leichter Film. Umso beeindruckender war die Reaktion des mehrheitlich jungen Publikums. Hochkonzentriert verfolgten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler den emotionalen Schlagabtausch zwischen Tochter und Mutter, in dem sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Sympathien immer wieder \u00e4ndern, und wendeten den Blick eine Dreiviertelstunde lang nicht von der Leinwand. Merklich mitgenommen brauchten sie danach eine Weile, um Worte zu finden f\u00fcr das Gesehene.<\/p>\n<p>Der Film, sagte ein Sch\u00fcler, k\u00f6nnte anderen Familien, in denen es \u00e4hnliche Verwerfungen g\u00e4be, helfen, ihre Probleme aufzuarbeiten. Rosa Hannah Ziegler pflichtete dem bei: \u201eEine Intention ist zu zeigen, wie wichtig es ist, miteinander zu reden.\u201c Einem anderen Zuschauer imponierte die Intimit\u00e4t des Szenarios. Wie es m\u00f6glich sei, eine solche Intensit\u00e4t und N\u00e4he in einer Drehsituation herzustellen? Ziegler: \u201eDer Kameramann ist ein empathischer und sensibler Mensch. Auch wenn wir im Film nichts gesagt haben, waren wir Gespr\u00e4chspartner. Die Auseinandersetzung war ja auch nicht vorbei, wenn die Kamera aus war. Sie fand permanent statt, egal ob wir sie aufzeichneten oder nicht.\u201c<\/p>\n<p>Nach zwei Tagen, so Ziegler, sei der Film im Grunde abgedreht gewesen. Danach h\u00e4tten sich Mutter und Tochter so weit \u201eauseinander dividiert\u201c, dass nur noch separaten Aufnahmen m\u00f6glich gewesen seien. Und doch sind beide laut Regisseurin begeistert von dem Ergebnis: \u201eF\u00fcr Eleonore ist der Film eine Plattform, um auszusprechen und loszuwerden, was ihr auf der Seele lag. Er st\u00e4rkt sie und unterst\u00fctzt sie dabei, ihre eigene schmerzhafte Familiengeschichte aufzuarbeiten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>&#8222;Die Beziehung zwischen uns wird so lange nicht funktionieren, wie ich nicht hundertprozentig ehrlich sein kann zu dir und dir alles sagen kann, was ich f\u00fchle und denke.&#8220;<\/em> (Yasmin)<\/p>\n<p>\u201eDu warst mein Leben\u201c ist das Anschlussprojekt zu Zieglers Film \u201eA Girl\u2018s Day\u201c, der 2015 bei doxs! gezeigt wurde und in dem Yasmins Schritt zu einem autonomen und selbstbestimmten Leben erz\u00e4hlt wird nach einer jahrelangen Odyssee durch verschiedene Heime und Pflegefamilien. Er setzte ein optimistisches Signal, dokumentierte einen Aufbruch und Neuanfang. Yasmin war in der Spur. Diesen Weg hat sie fortgesetzt. Im neuen Film tritt sie noch einmal gereifter und reflektierter auf, auch entschiedener und manchmal h\u00e4rter in der Konfrontation. Sie wei\u00df nun besser, wo sie steht und was sie will.<\/p>\n<p>Als Rosa Hannah Ziegler damals der doku.klasse ihr Konzept pr\u00e4sentierte, waren einige WorkshopteilnehmerInnen zun\u00e4chst skeptisch im Hinblick auf die Privatheit der geplanten Konstellation. Sie w\u00fcrden, so der Tenor, bei einem Treffen dieser Art nicht gefilmt werden wollen. Der fertige Film hat diese Zweifel zerstreut. Bengisu Y\u00fcksel meldete sich w\u00e4hrend der Diskussion zu Wort und zeigte sich \u201esehr ber\u00fchrt\u201c. Die Regisseurin hatte die Vorbehalte der Klasse damals ernstgenommen und sich Gedanken dar\u00fcber gemacht, wie sie eine solche Situation f\u00fcr ein Publikum darstellen k\u00f6nnte, ohne ihre Protagonistinnen vorzuf\u00fchren. \u201eDu warst mein Leben\u201c zeigt, wie es geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim diesj\u00e4hrigen doxs!-Festival liefen gleich drei Filme, deren Stoffe im vergangenen Jahr in der doku.klasse diskutiert wurden. 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