{"id":1610,"date":"2018-03-14T12:27:10","date_gmt":"2018-03-14T10:27:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=1610"},"modified":"2018-05-23T13:26:14","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:14","slug":"szenen-einer-naehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/szenen-einer-naehe\/","title":{"rendered":"Szenen einer N\u00e4he"},"content":{"rendered":"<h2>Am 13. April 2018 wird in Marl die 3sat-Auftragsproduktion \u201eDu warst mein Leben\u201c (DE 2017) von Rosa Hannah Ziegler mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Wir gratulieren der doku.klasse-Stipendiatin herzlich! Und empfehlen die Filmkritik von unserem ehemaligen Praktikanten Marlon sowie das Radiofeature zum Film: \u201eWas sagt mir Eleonore?\u201c, nachzuh\u00f6ren beim <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/reihe-18-plus-was-sagt-mir-eleonore.958.de.html?dram:article_id=396336\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Deutschlandfunk Kultur<\/span><\/a>.\u00a0<\/h2>\n<h3><!--more--><\/h3>\n<h6><strong>Von Marlon Miketta<\/strong><\/h6>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1454 alignleft\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/Marlon-218x300.jpg\" alt=\"\" width=\"161\" height=\"221\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Marlon-218x300.jpg 218w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Marlon-768x1055.jpg 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Marlon-582x800.jpg 582w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Marlon.jpg 1035w\" sizes=\"auto, (max-width: 161px) 100vw, 161px\" \/>Sonnenbrille, Sand und Meer: an einem Strand begegnet der Zuschauer den beiden Protagonistinnen zum ersten Mal. Aber bevor echte Urlaubsgef\u00fchle aufkommen k\u00f6nnen, wechselt das Setting zu einem Balkon einer Ferienwohnung, wo sich eine Mutter und ihre Tochter unterhalten. Die Umgebung erinnert an einen unpers\u00f6nlichen Wohnblock, kaltes Wetter und ein dunkler Himmel unterstreichen, ebenso wie ein Tisch, der die beiden voneinander trennt, die Emotionen, die bei einem Gespr\u00e4ch aus der Vergangenheit geholt werden.<\/p>\n<p>\u201eWir hatten keine Freiheit\u201c &#8211; so beschreibt Eleonore ihrer Tochter Yasmin ihre Kindheit. Ihr Zimmer war eine \u201eAbstellkammer\u201c, Feiertage waren \u201eder reinste Horror\u201c. Die Zeit war von Misshandlungen durch ihren Vater gepr\u00e4gt. Mit fast 31 Jahren fing Eleonore an, mit Drogen aus der Realit\u00e4t zu fl\u00fcchten. Ihrer Tochter mangelte es dadurch nicht nur an materiellen Dingen, sondern auch an sozialen Kontakten. Sie wirft ihrer Mutter vor, nicht f\u00fcr sie da gewesen zu sein. \u201eWeil ich damals keine Freunde hatte, habe ich immer Gummitwist mit M\u00fclltonnen gespielt.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p><em><strong>&#8222;Eine emotionale Vertrautheit wird sp\u00fcrbar&#8220;<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Mitten im Gespr\u00e4ch fl\u00fcchtet Eleonore in die Wohnung. Sp\u00e4testens hier f\u00e4llt die Art des Filmens auf. Denn die auf dem Balkon aufgestellte, statische Kamera wird geradezu mechanisch auf Eleonores Fluchtort geschwenkt. \u00c4u\u00dferst distanziert dokumentiert die Kamera die Auseinandersetzung zwischen den beiden.<\/p>\n<p>Nach dem eskalierten Streit \u00fcberrascht der Film mit einem harten Schnitt: Mutter und Tochter lehnen eng aneinander, Kopf an Kopf. Das \u00fcberraschende Bild visualisiert die dennoch vorhandene N\u00e4he, eine emotionale Vertrautheit wird sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Nach der Pause sitzen sich die beiden wieder gegen\u00fcber, diesmal in der Wohnung. Eleonore unternimmt den Versuch einer Vers\u00f6hnung: \u201eWie w\u00e4re es, wenn wir mal wieder alle zusammen Weihnachten feiern?\u201c. Doch Yasmin lehnt das Angebot ab, sie sieht vorerst keine gemeinsame Zukunft mit ihrer Mutter.<\/p>\n<p>Lediglich Hintergrundger\u00e4usche, sowie die Stimmen der Protagonistinnen sind im O-Ton zu h\u00f6ren und die Kamera nimmt den ganzen Film \u00fcber eine beobachtende Rolle ein, um eine m\u00f6glichst neutrale Haltung zu gew\u00e4hrleisten. Und es funktioniert: einerseits sympathisiert der Zuschauer mit Yasmin, da Eleonore deutlich weniger Screentime aufweist, andererseits mit ihrer Mutter, da ihre Tochter auf eine durchaus dominante Art und Weise Vorw\u00fcrfe kommuniziert.<\/p>\n<p>Auf dem Balkon sind die Protagonistinnen von Kopf bis Fu\u00df zu sehen. Da die Kamera aber auf Eleonores Seite positioniert ist, ist lediglich das Gesicht der Tochter komplett im Bild. Visuell wird die Dominanz Yasmins im Gespr\u00e4ch unterstrichen. Innerhalb der Wohnung wurden meist halbnahe Einstellungen verwendet, um noch mehr Emotionen durch die Gestik erkennbar zu machen. Auch hier wird prim\u00e4r Yasmin gefilmt.<\/p>\n<blockquote>\n<p><strong><em>&#8222;Es wird deutlich: Ein Gespr\u00e4ch allein kann nicht f\u00fcr eine Vers\u00f6hnung sorgen.&#8220;<\/em> <br \/>\n <\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Schnittrhythmus gibt ein langsames Tempo vor, meist werden Plansequenzen \u2013 Szenen oder Sequenzen, die weder Schnitte noch Kameraperspektivwechsel aufweisen \u2013 eingesetzt. Diese \u00c4sthetik unterstreicht die realistische Erz\u00e4hlweise, aber auch die Bedeutung der Zeit f\u00fcr den Prozess der Verarbeitung. Die Sprechpausen der beiden werden meist nicht geschnitten, um den Zuschauer zum Nachdenken anzuregen und zu verdeutlichen, wie anstrengend es f\u00fcr die Protagonistinnen ist, \u00fcber ihre Vergangenheit zu reden.<\/p>\n<p>Am Ende des Films sitzen Mutter und Tochter wieder, von einem Tisch getrennt, auf dem Balkon. Es ist Abend, kalt und dunkel, sie schweigen sich an. Es wird deutlich: Ein Gespr\u00e4ch allein kann nicht f\u00fcr eine Vers\u00f6hnung sorgen.\u00a0<\/p>\n<p>Thematisch erinnert \u201eDu warst mein Leben\u201c an das Mittagsprogramm im privaten Fernsehen. Aber in diesem Film werden nicht nur reale Biografien erz\u00e4hlt, sondern die Regisseurin legt Wert auf die \u00c4sthetik und das Zusammenspiel zwischen Inhalt und Bild. Ein Kompliment kann nicht nur an Rosa Hannah Ziegler, sondern auch an die Protagonistinnen ausgesprochen werden: Derart pers\u00f6nliche Erfahrungen vor der Kamera preiszugeben, erfordert viel Mut. Das Endergebnis ist ein zwar bedr\u00fcckender, aber auch sehr gelungener und sehenswerter Dokumentarfilm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 13. April 2018 wird in Marl die 3sat-Auftragsproduktion \u201eDu warst mein Leben\u201c (DE 2017) von Rosa Hannah Ziegler mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Wir gratulieren der doku.klasse-Stipendiatin herzlich! Und empfehlen die Filmkritik von unserem ehemaligen Praktikanten Marlon sowie das Radiofeature zum Film: \u201eWas sagt mir Eleonore?\u201c, nachzuh\u00f6ren beim Deutschlandfunk Kultur.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":1622,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[68,69,26,73,23],"class_list":["post-1610","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-salon","tag-deutschlandfunk-kultur-was-sagt-mir-eleonore","tag-du-warst-mein-leben","tag-grimme-akademie","tag-grimme-preis","tag-zdffilmredaktion-3sat"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/RosaHannahZiegler.jpeg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1610","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1610"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1610\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1630,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1610\/revisions\/1630"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1610"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}