{"id":2036,"date":"2021-06-15T15:37:39","date_gmt":"2021-06-15T13:37:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=2036"},"modified":"2021-06-15T15:46:52","modified_gmt":"2021-06-15T13:46:52","slug":"he-said-she-said-wir-sehen-uns-vor-gericht-ein-workshop-ueber-eine-debatte-zum-dokumentarfilm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/he-said-she-said-wir-sehen-uns-vor-gericht-ein-workshop-ueber-eine-debatte-zum-dokumentarfilm\/","title":{"rendered":"HE SAID SHE SAID &#8211; Ein Workshop \u00fcber eine Debatte zum Dokumentarfilm"},"content":{"rendered":"<h3>Die Filmemacherin Elke Margarete Lehrenkrauss hat heftige Wochen hinter sich. Mit der Ver\u00f6ffentlichung einer Funk-Reportage \u00fcber <em>Lovemobil<\/em> wurde ihre Arbeit \u00fcber Nacht f\u00fcr viele zur No-go-Area f\u00fcr den Dokumentarfilm. Heftige Kritik von allen Seiten, \u00f6ffentliche Zweifel an ihrer Integrit\u00e4t, bis hin zu pers\u00f6nlichen Morddrohungen \u2013 der Erfolg einer Filmemacherin, die bis dahin in Deutschland als Talent galt, war pl\u00f6tzlich nichts mehr wert.<\/h3>\n<h3><!--more--><\/h3>\n<p>Das ist die eine Seite. Auf einer anderen sitzen die Zuschauer*innen, ihr Publikum. Die Teilnehmer*innen der doku.klasse beispielsweise. Sie haben im November 2020 Elke Margarete Lehrenkrauss und ihre Filme kennen gelernt, auch <em>Lovemobil<\/em>. Intensiv wurde mit ihr dar\u00fcber diskutiert, Nachfragen gestellt, um zu verstehen, wie es m\u00f6glich ist, derart intime Situationen zu drehen. Wenige Monate danach macht die Funk-Reportage die Runde. Nicht nur die Medienwelt, auch die doku.klasse hat jetzt andere Fragen als zuvor und verabredet sich mit der Regisseurin zu einem Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u201eVerhaltenes Schweigen ist auch mal sch\u00f6n.\u201c Elke Margerete Lehrenkrauss<\/em><\/p>\n<p>Der Gespr\u00e4chseinstieg ist zur\u00fcckhaltend und vorsichtiger als sonst. Lehrenkrauss \u00fcbernimmt intuitiv das Intro, bricht das Eis. Es war ein \u201euncooler\u201c und \u201enicht zu relativierender Fehler\u201c, die Darsteller*innen nicht zu kennzeichnen, so die Regisseurin. F\u00fcr sie im Nachhinein besonders unangenehm: Auch in Gespr\u00e4chen \u00fcber den Film habe sie die Inszenierung unter den Tisch fallen lassen, zum Beispiel gegen\u00fcber der doku.klasse.<\/p>\n<p>Der vom Film entt\u00e4uschte Teufel steckt im Detail. Die Teilnehmer*innen kommen aus der Reserve, konkrete Fragen zu inszenierten Eingriffen in die dokumentarische Erz\u00e4hlung auf den Tisch. Die Gruppe hangelt sich von Detail zu Detail. Und nat\u00fcrlich haben alle die Gespr\u00e4che aus dem November noch im Hinterkopf.<\/p>\n<p>Die Filmemacherin gab damals Antworten, \u00fcber die sie heute sagt: \u201eWas ich erz\u00e4hlt habe, hat gestimmt, aber nicht f\u00fcr die Protagonist*innen im Film, sondern f\u00fcr die aus der Recherche.\u201c<\/p>\n<p>H\u00f6rt sich interessant an, wirft in der doku.klasse aber sofort neue Fragen auf. Wie sehen die Bez\u00fcge zwischen filmischer Realit\u00e4t, dokumentarischer Realit\u00e4t und der Wirklichkeit aus? Wie verh\u00e4lt sich die Wirklichkeit der gezeigten Menschen zur Perspektive der Regie auf sie? Oder zum Blick der Kamera? Lehrenkrauss sagt: \u201eWir haben <em>Lovemobil<\/em> gedreht wie einen Spielfilm. Wir wollten das nicht mit einer Wackelkamera verstecken.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>\u201eIch h\u00e4tte auch einen Film machen k\u00f6nnen \u00fcber Frauen an der Landstra\u00dfe, denen es gut geht da, oder \u00fcber Frauen, an derselben Landstra\u00dfe, die unterdr\u00fcckt werden.\u201c Elke Margarete Lehrenkrauss<\/em><\/p>\n<p>Das Leben von Rita wurde inszeniert, oder besser gesagt: nachgestellt. Ist das das Gleiche? F\u00fcr die Autorin ist es dokumentarisch, weil ihr Blick auf die Lovemobile nicht ausgedacht ist, sondern recherchiert. Ihre Perspektive sei weder neutral noch objektiv, aber auch nicht willk\u00fcrlich, sondern nach drei Jahren Recherche ziemlich fundiert. Zu jedem Detail hat sie eine Erfahrung parat. Das, was der Besucher im Bordell tut, \u201ehat er auch in der Realit\u00e4t getan.\u201c Genau deswegen h\u00e4tte sie ihn gefragt, ob er mitmachen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Zwischendurch kommt das Gespr\u00e4ch auf den NDR-Redakteur, der ihren Film betreut hat, und der sich nun von der Autorin betrogen f\u00fchlt, sich distanziert. Die Filmemacherin h\u00e4tte sich mehr Zeit mit ihm, besser noch: ein Vertrauensverh\u00e4ltnis, gew\u00fcnscht. Die Verantwortung des Senders in diesem Prozess ist der doku.klasse zun\u00e4chst nicht ganz klar. \u201eWarum\u201c fragt eine Teilnehmerin, \u201eist es \u00fcberhaupt die Aufgabe eines Redakteurs auf die Filme so genau zu gucken?\u201c<\/p>\n<p>Weil, so die Antwort des doxs!-Teams, der \u00f6ffentlich-rechtliche Auftrag beinhaltet, dass der Sender im Gegensatz zu Plattformen wie Facebook und Youtube eine Verantwortung f\u00fcr seine Inhalte \u00fcbernimmt. Redakteur*innen sind angehalten, diesen Qualit\u00e4tsanspruch zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Der Sender ist dabei nat\u00fcrlich nicht allein in der Pflicht. Auch die Filmschaffenden stehen gegen\u00fcber dem Publikum, den Darsteller*bzw. Protagonist*innen f\u00fcr Absprachen im Rahmen des Films ein. Formale Vertr\u00e4ge sind das eine, ungeschriebene Gesetze das andere: Sie gelten implizit, weil sie beim Publikum Erwartungen kreieren, die eingel\u00f6st werden wollen. Zuschauer*innen setzen beim Dokumentarfilm eine besondere Beziehung zwischen den Menschen vor- und jenen hinter der Kamera voraus. <em>Lovemobil<\/em> habe diese Erwartungshaltung konterkariert, zeigt sich eine doxs!-Teamerin entt\u00e4uscht. F\u00fcr alle, die ein emotionales Verh\u00e4ltnis zu den Personen im Film aufbauen, sei dieser Vertrauensbruch verletzend, meint Lehrenkrauss. Insofern k\u00f6nne sie nachvollziehen, dass sie Zuschauer*innen damit verst\u00f6rt hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/doku.klasse_Elke_2.06.21.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2041 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/doku.klasse_Elke_2.06.21.png\" alt=\"\" width=\"2335\" height=\"1421\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/doku.klasse_Elke_2.06.21.png 2335w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/doku.klasse_Elke_2.06.21-400x243.png 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/doku.klasse_Elke_2.06.21-1200x730.png 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/doku.klasse_Elke_2.06.21-768x467.png 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/doku.klasse_Elke_2.06.21-1536x935.png 1536w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/doku.klasse_Elke_2.06.21-2048x1246.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2335px) 100vw, 2335px\" \/><\/a><br \/>\nAngestrengt f\u00fchlt sich eine doku.klasse-Teilnehmerin nicht nur ob der Komplexit\u00e4t der Wirklichkeitsbez\u00fcge im Film, sondern auch von der \u00fcberhitzten \u00f6ffentlichen Debatte dar\u00fcber. Sie empfinde den medialen Diskurs als ein \u201eHE SAID SHE SAID\u201c-Battle und fragt die Regisseurin, wie sie damit umginge. \u201eMan kann das Internet auch ausmachen und die Kommentare einfach nicht lesen\u201c. Merken wir uns. Und danken Elke Margarete Lehrenkrauss sehr f\u00fcr das offene Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Filmemacherin Elke Margarete Lehrenkrauss hat heftige Wochen hinter sich. Mit der Ver\u00f6ffentlichung einer Funk-Reportage \u00fcber Lovemobil wurde ihre Arbeit \u00fcber Nacht f\u00fcr viele zur No-go-Area f\u00fcr den Dokumentarfilm. Heftige Kritik von allen Seiten, \u00f6ffentliche Zweifel an ihrer Integrit\u00e4t, bis hin zu pers\u00f6nlichen Morddrohungen \u2013 der Erfolg einer Filmemacherin, die bis dahin in Deutschland als Talent galt, war pl\u00f6tzlich nichts mehr wert.<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":1951,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[91,95,102,101],"class_list":["post-2036","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-salon","tag-doku-klasse-2020","tag-elke-lehrenkrauss","tag-lovemobil","tag-stipendiatinnen2020"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/doku.klasse2020_08_web_1200px.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2036","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2036"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2036\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2043,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2036\/revisions\/2043"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1951"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2036"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2036"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2036"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}