{"id":2181,"date":"2021-10-07T22:02:49","date_gmt":"2021-10-07T20:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=2181"},"modified":"2021-11-04T12:45:16","modified_gmt":"2021-11-04T10:45:16","slug":"ja-sie-spielen-sie-spielen-sich-fuer-dich-und-deine-kamera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/ja-sie-spielen-sie-spielen-sich-fuer-dich-und-deine-kamera\/","title":{"rendered":"\u201eJa, sie spielen, sie spielen sich \u2013 f\u00fcr dich und deine Kamera&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Referenz erweisen (4): Der Dokumentarist und Autor Herbert Fell im Gespr\u00e4ch mit der Filmemacherin Susanne Mi-Son Quester.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><em>\u201eUnd was das Wirklichkeitsversprechen des Dokumentarfilms betrifft, so bin ich der Meinung, dass der Dokumentarfilm sich nicht nur um die Realit\u00e4t, sondern genauso um die W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume der Menschen k\u00fcmmern muss.\u201c<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Herbert Fell: Jean-Luc Godard sagte zu den Dokumentarfilmen Richard Leacocks, seine sogenannten Cin\u00e9ma-V\u00e9rit\u00e9-Filme seien auch deshalb so schlecht, weil Leacock nicht wisse, dass er auch als Dokumentarfilmer inszeniere.<\/strong><\/p>\n<p>Susanne Mi-Son Quester: Sicherlich geh\u00f6rt das Inszenieren zum Dokumentarfilm dazu. Wozu sonst br\u00e4uchte es einen Regisseur oder eine Regisseurin? Nat\u00fcrlich inszeniere ich, sonst h\u00e4tte ich beim Dreh ja gar nichts zu tun, da k\u00f6nnte ich auch zu Hause bleiben.<\/p>\n<p><strong>In eurem neuen Film \u201eChao\u2019s Transition\u201c, in dem es um einen jungen Menschen geht, der sich zur Frau umwandeln lassen will, steht Chao nach einem Drittel des Films vorm Spiegel, betrachtet und schminkt sich, da kommt pl\u00f6tzlich eine animierte Libelle ins reale Bild hereingeflogen, die es auch schafft, Chao in eine animierte Figur zu verwandeln. Das ist ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Dokumentarfilm.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_2185\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2185\" class=\"wp-image-2185 size-full\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1.jpg 1920w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1-400x225.jpg 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1-1200x675.jpg 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1-1536x864.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2185\" class=\"wp-caption-text\">Filmstill aus Chao&#8217;s Transition von Susanne Mi-Son Quester und Mieko Azuma<\/p><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1.tif\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2184\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/CHAO_4.2.1.tif\" alt=\"\" \/><\/a>Es ist nicht das erste Mal, dass wir mit Animationen im Dokumentarfilm arbeiten. Schon in unserem letzten Film \u201eWarum ich hier bin\u201c, den ich auch zusammen mit Mieko Azuma gemacht habe, gab es animierte Sequenzen. In dem Film erz\u00e4hlen die Personen auch von dem, was vor ihrer Flucht nach Deutschland passiert ist, sie berichten von Vergangenem. Da haben wir die Animation als M\u00f6glichkeit genutzt, um von dieser Vergangenheit zu erz\u00e4hlen. Dabei haben wir festgestellt, dass man mithilfe der Animation auf komprimierte Weise relativ komplizierte Sachen darstellen kann. Man kann gut Stimmungen erzeugen und anschaulich von Gef\u00fchlen erz\u00e4hlen. Diese Erfahrung haben wir aus dem letzten Film mitgenommen. Bei <em>Chao\u2019s Transition <\/em>dient die Animation aber nicht dazu, Vergangenes lebendig werden zu lassen, sondern eher Vorstellungen und Phantasien unserer Hauptfigur. Die Animations-sequenzen stellen Dinge dar, die man real nicht darstellen kann. Sie visualisieren Dinge, die nicht unmittelbar sichtbar sind.<\/p>\n<p><strong>Im Gegensatz zum Spielfilm, bei dem der bezahlte Schauspieler ein fremdes Leben darstellt, lassen uns die Personen im Dokumentarfilm, die keine Filmprofis sind, an ihrem realen Leben teilnehmen. Aber will der Mensch, der vor der Kamera steht, nicht oft etwas anderes von sich zeigen als derjenige, der hinter der Kamera steht? Ich kenne aus meiner Arbeit auch Situationen, in denen man die Menschen vor der Kamera sch\u00fctzen muss, weil sie Sachen vor der Kamera erz\u00e4hlen wollen, mit denen sie sich selbst schaden k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, vor allem die jungen Menschen, viel medienbewusster geworden sind. Wenn du heute jemanden fragst, ob er Lust hat, bei dir in einem Film mitzumachen, dann hat er eine recht genaue Vorstellung davon, was das bedeutet. Das galt besonders f\u00fcr Chao, die sehr aktiv auf Instagram ist und jeden Tag an die zehn Fotos von sich postet. F\u00fcr sie war das Auftauchen eines Filmteams \u00fcberhaupt nichts Ungew\u00f6hnliches oder Fremdes. Wir haben von Anfang an gesp\u00fcrt, dass Chao zweifelsfrei bestimmt, was sie uns von sich zeigt und was sie uns nicht zeigt. Und uns war von Anfang klar, dass wir uns darauf einlassen. Denn der ganze Film h\u00e4ngt an ihrer Person, es ist ein Portr\u00e4t, f\u00fcr das sie sich und ihre Geschichte zur Verf\u00fcgung stellt. Da fand ich als Filmemacherin es in Ordnung, dass sie so etwas wie eine Vorauswahl traf. Es gab aber auch nie den Moment, wo wir uns sagten: Ach, das w\u00e4re jetzt ungemein interessant und das d\u00fcrfen wir nicht filmen. Wir hatten da keine Konflikte.<\/p>\n<p><strong>Es gibt dieses ber\u00fchmte Foto von 9\/11, wo junge Leute bei strahlendem Sonnenschein entspannt am Ufer des East River beieinander sitzen und plaudern, w\u00e4hrend am gegen-\u00fcberliegender Ufer die Twin Towers brennen. Die jungen Leute wehrten sich gegen dieses Foto. Sie sagten, das Foto l\u00fcgt, das sind wir nicht. Das Foto sei ein Schnappschuss. Es zeigt nicht, was vor und nach dem Schnappschuss passiert ist. Denn wir haben sehr wohl auf die brennenden T\u00fcrme in Manhattan reagiert. Thomas H\u00f6pker, der Fotograf, hatte das Foto ein paar Jahre lang zur\u00fcckgehalten. Er meinte, es f\u00fchle sich falsch an. Dann ver\u00f6ffentlichte er es doch. Es f\u00fchlte sich nach ein paar Jahren offenbar nicht mehr falsch an. Vielleicht war mit der Zeit aus dem Schnappschuss etwas Allgemeing\u00fcltiges geworden, ein geradezu surreal wirkendes Sinnbild f\u00fcr menschliche Gleichg\u00fcltigkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, ich h\u00e4tte das Bild ohne das Einverst\u00e4ndnis der Gezeigten nicht ver\u00f6ffentlicht. Es gibt heutzutage ja auch andere M\u00f6glichkeiten, man h\u00e4tte beispielsweise ihre Gesichter digital ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Auch vermeintliche L\u00fcgen k\u00f6nnen die Wahrheit sagen und umgekehrt k\u00f6nnen Dokumente auch l\u00fcgen. Es ist mir wichtig, dass es da einen Pakt, einen Pakt des Vertrauens, zwischen dem Filmemacher und seinen Protagonisten gibt, die eben keine professionellen Schauspieler sind, die eine beliebige Figur darstellen, sondern die mit ihrem Gesicht, mit ihrer ganzen Person f\u00fcr dich &#8211; sich spielen. Ja, sie spielen, sie spielen sich &#8211; f\u00fcr dich und deine Kamera. Alles andere sind Blicke durchs Schl\u00fcsselloch, Blicke eines Voyeurs.<\/p>\n<p><strong>Wieder etwas anderes ist es, wenn du wie zum Beispiel Claude Lanzmann einen Film mit den Verantwortlichen der Shoah machst. Da gibt es zwischen Interviewer und Interviewten keinen Pakt des Vertrauens, den darf es da nicht geben.<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Fall ist das sicherlich richtig. Ich ziehe es jedoch vor, mit Menschen zu arbeiten, die mir sympathisch sind und die ich mag. Ich m\u00f6chte noch einmal auf die Godard\/Leacock-Problematik vom Anfang des Gespr\u00e4ches zur\u00fcckkommen: Im Grunde wirft Godard Leacock vor, dass er sich nicht bewusst ist, mit welchen Mitteln er als Dokumentarfilmregisseur spielt. Ich denke, dass sich diese Frage so heute nicht mehr stellt. Die Welt ist viel medialer, der Umgang mit den Medien viel bewusster geworden. Und was das Wirklichkeitsversprechen des Dokumentarfilms betrifft, so bin ich der Meinung, dass der Dokumentarfilm sich nicht nur um die Realit\u00e4t, sondern genauso um die W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume der Menschen k\u00fcmmern muss.<\/p>\n<p><em>Dieses Gespr\u00e4ch zwischen Herbert Fell und Susanne Mi-Son Quester fand am 16. September 2021 in M\u00fcnchen statt.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/Susanne-Quester-Herbert-Fell.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2192 size-full\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/Susanne-Quester-Herbert-Fell-e1633599083242.png\" alt=\"\" width=\"1862\" height=\"662\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Susanne-Quester-Herbert-Fell-e1633599083242.png 1862w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Susanne-Quester-Herbert-Fell-e1633599083242-400x142.png 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Susanne-Quester-Herbert-Fell-e1633599083242-1200x427.png 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Susanne-Quester-Herbert-Fell-e1633599083242-768x273.png 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Susanne-Quester-Herbert-Fell-e1633599083242-1536x546.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1862px) 100vw, 1862px\" \/><\/a><\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 50%;\">\n<p><strong>Susanne Mi-Son Quester<\/strong> (*1979 in Starnberg) studierte nach einer Ausbildung zur Cellistin zun\u00e4chst Japanologie und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universit\u00e4t in Berlin, dann Dokumentarfilmregie an der HFF M\u00fcnchen und an der Korean National University of Arts in Seoul, S\u00fcdkorea. Seit 2006 ist sie als freie Autorin und Regisseurin sowie als Produzentin f\u00fcr Dokumentarfilme und Radiofeatures t\u00e4tig. 2008\/2009 nahm sie an der Kinder-Dokumentarfilminitiative \u201edokyou\u201c teil, in deren Rahmen der Kurzfilm \u201eEiki\u201c (2010) entstand. 2011 bis 2015 war sie Mitglied der Auswahlkommission und der ARTE-Jury bei der Duisburger Filmwoche.<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 50%;\">\n<p><strong>Herbert Fell\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Autor, \u00dcbersetzer und Filmemacher\u00a0<\/p>\n<p><em>Dokumentarfilme seit 1986. U.a.: <\/em>Kaffee, der schwebt (1986) \/ 3 zu 4, 7 zu 8 Es wird ein kleiner Schritt gemacht (1994) \/ Der Champagner Springbrunnen (1996) \/ V\u00f6lklingen zum Beispiel (1999) \/ Streitlust (2001) \/ Die Geworfenheit der Steine (2018).<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Referenz erweisen (4): Der Dokumentarist und Autor Herbert Fell im Gespr\u00e4ch mit der Filmemacherin Susanne Mi-Son Quester. \u00a0\u201eUnd was das Wirklichkeitsversprechen des Dokumentarfilms betrifft, so bin ich der Meinung, dass der Dokumentarfilm sich nicht nur um die Realit\u00e4t, sondern genauso um die W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume der Menschen k\u00fcmmern muss.\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":2186,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[9],"tags":[103,121,100,115,113,114,93,110],"class_list":["post-2181","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-salon","tag-chaos-transition","tag-die-referenz-erweisen","tag-doku-klasse2021","tag-dokumentarfilm","tag-herbert-fell","tag-realitaet","tag-susanne-mi-son-quester","tag-wie-wirklich"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/CHAO_3.2.2.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2181"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2181\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2318,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2181\/revisions\/2318"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}