{"id":2199,"date":"2021-10-07T22:02:01","date_gmt":"2021-10-07T20:02:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=2199"},"modified":"2021-11-04T12:46:21","modified_gmt":"2021-11-04T10:46:21","slug":"letztlich-braucht-es-beides-vertrauen-und-distanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/letztlich-braucht-es-beides-vertrauen-und-distanz\/","title":{"rendered":"\u00a0\u201eLetztlich braucht es beides: Vertrauen und Distanz\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Referenz erweisen (3):<\/strong> Die Filmkritikerin Esther Buss im Gespr\u00e4ch mit der Dokumentaristin Ivette L\u00f6cker.<\/p>\n<p><em>\u00a0\u201eIch versuche, meinen Figuren nahe zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen, das bedeutet aber nicht, dass ich ihnen unkritisch gegen\u00fcberstehe. Meine Perspektive auf sie bleibt erhalten, sie muss auch erhalten bleiben.\u201c<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Esther Buss: Ivette, Du machst Portr\u00e4tfilme, das hei\u00dft im Zentrum deiner dokumentarischen Arbeiten stehen Menschen, nicht ein bestimmtes Thema. In <em>Anja und Serjoscha<\/em> (2018) portr\u00e4tierst du zwei Jugendliche, die in einer Industriestadt nahe der Kriegsfront im S\u00fcdosten der Ukraine leben, in <em>Wenn es blendet, \u00f6ffne die Augen <\/em>(2014) filmst du ein drogens\u00fcchtiges Paar in ihrer beengten Plattenbauwohnung in St. Petersburg. <em>Nachtschichten<\/em> (2010) folgt Menschen auf ihren n\u00e4chtlichen Wegen durch die Berliner Gro\u00dfstadt. Wie findest du deine Figuren? <\/strong><\/p>\n<p>Ivette L\u00f6cker: Ich finde meine Protagonist*innen auf ganz unterschiedlichen Wegen. Manchmal steht das Interesse f\u00fcr ein Thema oder eine Fragestellung zuerst im Vordergrund und ich suche dann die Begegnung mit entsprechenden Figuren, wie zum Beispiel bei <em>Nachtschichten<\/em>. Mich hat damals die Frage besch\u00e4ftigt, welche n\u00e4chtlichen Freir\u00e4ume erhalten bleiben und wo Menschen R\u00fcckzugsorte finden k\u00f6nnen, wenn sich die Nacht durch gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen und neue Arbeitsbedingungen immer mehr zum Tag wandelt. Ich habe also nach Menschen gesucht, die ohne die Nacht nicht leben k\u00f6nnten. Bei <em>Anja und Serjoscha<\/em> hat mich die Frage umgetrieben, wie es jungen Menschen in der Ukraine mit so einem existentiellen Einschnitt wie dem Krieg ergeht: Wie ist es f\u00fcr jemanden, der heranw\u00e4chst, der auf der Suche nach einem eigenen Lebensentwurf ist, und pl\u00f6tzlich eine Haltung zum Krieg finden muss? Gemeinsam mit Inga Pylypchuk, einer befreundeten Journalistin aus Kiew, die in Berlin lebt, habe ich nach Personen recherchiert. Wir bekamen \u00fcber Ingas ukrainisches Netzwerk den Hinweis auf Jugendliche in Mariupol, die eine Aktion gegen Sexismus und Genderstereotypen durchgef\u00fchrt hatten. Als wir Anja und Serjoscha vor Ort kennenlernten, waren wir von ihrer Energie, ihrem Humor und ihren fantasievollen Ideen gleich fasziniert. Sie setzten einem grauen Alltag nahe der Kriegsfront ihren fr\u00f6hlichen Lebensmut entgegen. Mir gefiel, dass sie reflektiert und neugierig auf ihre Welt schauen.<\/p>\n<p><strong>Die beiden haben durch ihre Performancearbeit ja schon eine gewisse B\u00fchnenpr\u00e4senz.<\/strong><\/p>\n<p>Genau. Als wir sie kennengelernt haben, waren sie 17, noch etwas sch\u00fcchtern. Damals hatten sie gerade erst damit angefangen, sich auf der Stra\u00dfe im Zentrum Mariupols zu zeigen. Sie haben sich damals den Aktivist*innen der Kulturplattform \u201eTju\u201d angeschlossen, die viele Demonstrationen organisieren, z.B. zum 8. M\u00e4rz, dem Internationalen Frauentag, und dort auf Frauenrechte aufmerksam machen, oder Aktionen f\u00fcr die Rechte von LGBTQI+ Menschen. In diesem Umfeld haben Anja und Serjoscha viel Inspiration und Unterst\u00fctzung gefunden. Das hat ihnen Selbstsicherheit gegeben.<\/p>\n<p><strong>In <em>Anja und Serjoscha<\/em>, aber auch in anderen deiner Filme, gilt deine Aufmerksamkeit mehr den allt\u00e4glichen Gewohnheiten und Routinen, nicht dem Au\u00dfergew\u00f6hnlichen. In <em>Anja und Serjoscha<\/em> verbringt man als Zuschauerin ja erst einmal Zeit mit den Jugendlichen. Sie sprechen \u00fcber die Zukunft, aber auch \u00fcber die Gegenwart, sie gehen in einen Secondhandladen, machen eine Performance. Deine Form der Beobachtung ist sehr offen, du scheinst nichts zu forcieren. Gleichzeitig wirken die Szenen sehr ausgesucht, du bist nicht darauf aus, einen \u00fcberraschenden Moment einzufangen. Was davon ist im Drehbuch festgelegt? Wie entstehen diese Situationen des Dabeiseins?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Drehbuch im eigentlichen Sinn schreibe ich nicht. Es gibt eine Idee und es gibt die Fragen, denen der Film folgen soll. Es gibt Szenen und Situationen, die ich mir schon im Treatment vorstelle und die ich ausformuliere, die aber immer auf den Gespr\u00e4chen oder auf meinen Erfahrungen mit den Protagonist*innen basieren. Ich versuche meist, beim Dreh einen Teil dieser erz\u00e4hlten und erlebten Erfahrungen wiederzufinden und umzusetzen. Den gr\u00f6\u00dferen Teil des Drehs nimmt aber die Offenheit f\u00fcr Situationen ein, die aktuell im Leben der Protagonist*innen stattfinden. F\u00fcr mich ist es sehr wichtig, diese Offenheit zuzulassen, ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr zu entwickeln. In der Zeit zwischen der Recherche und dem Dreh k\u00f6nnen durchaus spannende Dinge passieren, die ich in der Vorbereitung nicht vorhersehen kann. Und ich will mich ja auch selbst \u00fcberraschen lassen.<\/p>\n<p>Bei <em>Anja und Serjoscha<\/em> war es zum Beispiel von Anfang an klar, dass wir sie bei einer Performance zeigen, weil es ihre Form von Protest gegen bestimmte gesellschaftliche Missst\u00e4nde zeigt. Sie wenden sich gegen konservative Normen und Vorstellungen davon, wie man zu leben oder auszusehen hat. Wir haben versucht, diesen Kontrast auf der inhaltlichen wie auf der visuellen Ebene zu verdeutlichen. Die beiden sind ja total bunt, Anja hat orangefarbene Haare, sie ziehen sich immer sehr farbenfroh an. Ihr philosophisch-anarchisches Dasein haben wir mit dem post-sowjetischen Stadtbild kontrastiert. Dazu geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch die Szene mit Anjas Eltern, welche die Werte einer anderen Generation vertreten. Insofern waren diese Szenen von mir ausgew\u00e4hlt oder ich habe sie angesto\u00dfen.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Du bist als Dokumentaristin eher zur\u00fcckhaltend. Gegen Ende gibt es aber dann doch klassischere Interviewsituationen, in denen du direkt eine Frage stellst. <\/strong><\/p>\n<p>Im Laufe der Arbeit an meinen Filmen hat sich herauskristallisiert, dass ich gerne aus Situationen heraus Gespr\u00e4che und Interviews entwickle. Das gibt mir die M\u00f6glichkeit, bestimmte Themen oder Fragen st\u00e4rker zu fokussieren. Das geht nicht, wenn man nur beobachtet und beispielsweise ein Gespr\u00e4chsthema vorgibt, selbst wenn dabei oft tolle und unerwartete Gespr\u00e4che herauskommen. Bei <em>Anja und Serjoscha<\/em> war es mir wichtig, ihnen diese Frage nach der Zukunft zu stellen. Meine Stimme ist auch der Verweis darauf, dass wir als Filmteam nicht abwesend sind. Wir gestalten die Rahmenbedingungen des Drehs. Dadurch greifen wir auch in die Wirklichkeit ein.<\/p>\n<div id=\"attachment_2204\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/Anja_und_Serjoscha_07.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2204\" class=\"wp-image-2204 size-full\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/Anja_und_Serjoscha_07.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1280\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Anja_und_Serjoscha_07.jpg 1920w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Anja_und_Serjoscha_07-400x267.jpg 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Anja_und_Serjoscha_07-1200x800.jpg 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Anja_und_Serjoscha_07-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Anja_und_Serjoscha_07-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Anja_und_Serjoscha_07-840x560.jpg 840w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2204\" class=\"wp-caption-text\">Filmstill aus Anja und Serjoscha von Ivette L\u00f6cker<\/p><\/div>\n<p><strong>Ich empfinde Dein Verh\u00e4ltnis zu Deinen Protagonist*innen in all deinen Filmen als sehr auf Augenh\u00f6he. Wie w\u00fcrdest du beim Drehen Deine eigene Rolle beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn du sagst, du empfindest das Verh\u00e4ltnis auf Augenh\u00f6he, dann habe ich das erreicht, was ich mir immer w\u00fcnsche. F\u00fcr mich ist es das Wichtigste, dass ich die Menschen so annehme, wie sie sind und wie sie sich mir zeigen. Ich versuche, ihnen gut zuzuh\u00f6ren. Ich habe kein Interesse daran, meine eigenen Thesen durch sie verwirklicht zu sehen. Es geht mir darum zu erfahren, was sie bewegt und aus ihren Antworten und Reaktionen Schl\u00fcsse zu ziehen und diese in einen Kontext zu stellen. Dabei handelt es sich dann um eine von mir verdichtete Wirklichkeit, so w\u00fcrde ich das bezeichnen.<\/p>\n<p><strong>Deine Filme erz\u00e4hlen \u00fcber die Personen hinaus immer etwas \u00fcber die Gesellschaft, in der sie leben. <em>Anja und Serjoscha<\/em> zum Beispiel zeigt, was es f\u00fcr Jugendliche bedeutet an einem Ort aufzuwachsen, an dem es so gut wie keine Zukunftsaussichten gibt. <em>Wenn es blendet, \u00f6ffne die Augen<\/em> zeichnet auch ein Portr\u00e4t der \u201eGeneration Post-Perestroika\u201c, die nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs mit den pl\u00f6tzlichen Freiheiten nicht umgehen konnte. Wie ergibt sich diese gesellschaftliche Perspektivierung?<\/strong><\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Situation, das Umfeld, kann nicht ausgeklammert werden. Ich suche nach Wegen, wie dieser Kontext miterz\u00e4hlt werden kann, ohne dass es zu plakativ oder gar didaktisch wird. Ich m\u00f6chte keine Panzer filmen, die durchs Bild fahren, damit man erahnt, dass Mariupol nahe der Kriegsfront ist. Das versuche ich auf subtilere Weise zu erz\u00e4hlen, wenn man Einschussl\u00f6cher und verfallene Geb\u00e4ude sieht, oder ein Wandgem\u00e4lde, das ukrainische Kriegshelden zeigt. Wir haben gezielt nach solchen Orten gesucht.<\/p>\n<p><em>Wenn es blendet, \u00f6ffne die Augen<\/em> beginnt mit einer Stimmencollage, die uns den historischen Kontext der 1990er Jahre in Russland zu Geh\u00f6r bringt. Der Film ist ja eine Art Kammerspiel, der die zerst\u00f6rerischen Auswirkungen dieser sogenannten wilden Jahre auf ein Paar zeigt. Drei Songs der seit damals popul\u00e4ren Underground-Punkband PTVP versetzen uns musikalisch, stilistisch und auch inhaltlich in diese Umbruchszeit. Die Konzertausschnitte fungieren als Kapiteltrennungen und ziehen so gleichzeitig eine Dimension ein, die \u00fcber das Individuelle des Paares hinausgeht.<\/p>\n<p><strong>Deine Form der Beobachtung hat etwas N\u00fcchternes, Ungek\u00fcnsteltes, auch Knappes. Du versuchst in den Bildern nicht zu dramatisieren, Du verwendest auch keine zus\u00e4tzliche Filmmusik \u2013 die Musik in <em>Anja und Serjoscha<\/em> beispielsweise ergibt sich allein aus der Szene eines Konzertbesuchs. Das hat etwas sehr Direktes. <\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir einerseits eine Klarheit, andererseits aber auch Zwischent\u00f6ne \u2013 in den Bildern, in der Beobachtung, auf der Tonebene. Meine Filme haben ein ausgekl\u00fcgeltes Sounddesign, das mir auch extrem wichtig ist. Das ver\u00e4ndert Filme komplett. Auch wenn es keine Filmmusik gibt, werden manche der Szenen und Stimmungen dadurch verst\u00e4rkt. Bei <em>Anja und Serjoscha<\/em> haben wir zum Beispiel einzelne T\u00f6ne der Fabrikanlagen wiederholt auftauchen lassen oder das Meeresrauschen hervorgehoben. Auf der Tonebene kann es darum gehen, einen H\u00f6reindruck zu schaffen, der nicht unbedingt realistisch sein muss, im Sinne der real aufgenommenen und vorhandenen Ger\u00e4usche. Bei <em>Nachtschichten <\/em>haben wir in der Postproduktion eine Nachtstimmung gebaut, um die Nacht, die einen \u201eumh\u00fcllt\u201d und wohlig ist wie \u201eein warmes Bad\u201d, wie das ein Protagonist sagt, erfahrbar zu machen. In der Gro\u00dfstadt ist es nachts nicht leise, wegen des Autoverkehrs h\u00f6rt sich die Nacht laut und irgendwie \u201ematschig\u201d an. Wir haben versucht, das Magische der Nacht auch \u00fcber den Ton zu vermitteln. Da haben wir uns nicht an die Realit\u00e4t gehalten.<\/p>\n<p><strong><em>Man sp\u00fcrt, dass zwischen Dir und deinen Protagonist*innen ein Vertrauensverh\u00e4ltnis besteht, gleichzeitig wahrst du immer eine gewisse Distanz. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich finde es wichtig, dass es eine Vertrauensbasis gibt, das werden viele Dokumentarfilmer*innen unterschreiben, ohne sie kann man diese Art von Dokumentarfilm nicht machen. Der Portr\u00e4tierte oder die Portr\u00e4tierte verl\u00e4sst sich auf mich, das Material, das dabei entsteht, liegt ja in meinen H\u00e4nden. Ich versuche, meinen Figuren nahe zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen, das bedeutet aber nicht, dass ich ihnen unkritisch gegen\u00fcberstehe. Meine Perspektive auf sie bleibt erhalten, sie muss auch erhalten bleiben. Eine Aufgabe der Montage besteht darin, die Grenzen zwischen den Figuren und mir klarer zu justieren. Letztlich braucht es beides: Vertrauen und Distanz, aber es ist eine Gratwanderung.<\/p>\n<p><strong>In <em>Wenn es blendet, \u00f6ffne die Augen<\/em> hat man es mit einer anderen N\u00e4he und Intimit\u00e4t zu tun als in deinen anderen Arbeiten \u2013 allein schon r\u00e4umlich, die Wohnung ist sehr eng, du musstest extrem nah an deine Protagonist*innen heran. <\/strong><\/p>\n<p>Diese N\u00e4he hat sich auf interessante Weise entwickelt. Ljoscha habe ich \u00fcber den Drogenbus kennengelernt, eine niedrigschwellige sozialarbeiterische Einrichtung, f\u00fcr die er arbeitet. Ich habe ihn zuerst f\u00fcr einen Sozialarbeiter gehalten. Es gab da eine gegenseitige Sympathie und er hat mich irgendwann zu sich nach Hause eingeladen. Dass wir dort drehen w\u00fcrden, ging dann aber sehr stark von seiner Freundin Schanna aus. Sie war sehr offen und ohne sie w\u00e4re der Film nicht entstanden. Mir ist \u00fcber dieses Paar nochmals bewusst geworden, wie stark Drogenkonsument*innen in Russland stigmatisiert werden. Sucht wird nicht als Krankheit gesehen. Es gibt kaum Therapiem\u00f6glichkeiten. Schanna und Ljoscha haben sich uns auch ge\u00f6ffnet, weil wir ihnen als Menschen zugeh\u00f6rt haben. Wir wollten wissen, wie ihre Geschichte ist, wie sie leben. Wir wollten nicht ihre Lebensweise verurteilen.<\/p>\n<p><strong>Im Film sieht man sehr explizite Szenen, etwa wie Ljoscha seiner Freundin und sich selbst Methadon spritzt. <\/strong><\/p>\n<p>Wir waren an den Drehtagen meist f\u00fcr mehrere Stunden anwesend und haben ihren Alltag gefilmt. Dazu geh\u00f6rte eben auch, dass sie Drogen nehmen. Sie waren damit einverstanden, ohne dass wir vorher im Detail \u00fcber einzelne Szenen gesprochen h\u00e4tten. Vor allem Schanna war sich sehr bewusst, wie sie sich vor einer Kamera pr\u00e4sentieren und ihre eigene Geschichte erz\u00e4hlen kann. Ich fand bewundernswert, wie sie das furchtlos gezeigt hat.<\/p>\n<p>Vor dem Dreh habe ich allerdings versprochen, dass der Film in Sankt Petersburg nicht \u00f6ffentlich gezeigt werden und online nicht verf\u00fcgbar sein wird. Ljoscha arbeitet ja f\u00fcr eine NGO, die Junkies betreut, deshalb wollte er nicht, dass zu viele Menschen davon wissen.<\/p>\n<p><strong>Deine Portr\u00e4ts sind auch Korrektive bestehender Erz\u00e4hlungen und Bilder: Ljoscha und Schanna haben etwas viel Allt\u00e4glicheres als die meisten Figuren in Suchtdokumentationen. Suchst du bewusst nach Gegenerz\u00e4hlungen?<\/strong><\/p>\n<p>Bei <em>Wenn es blendet, \u00f6ffne die Augen<\/em> war es mir wichtig, nicht das Elend eines Junkie-Paares zu zeigen und damit herrschende Stereotypen zu best\u00e4rken. Ich war ja selbst \u00fcberrascht davon, wie viel Solidarit\u00e4t und Liebe zwischen den beiden sp\u00fcrbar ist. F\u00fcr mich ist es kein Film \u00fcber die Sucht, sondern einer \u00fcber eine ungew\u00f6hnliche Liebesbeziehung. Ich habe nicht explizit nach einer Gegenerz\u00e4hlung gesucht, aber mir war klar, dass ich mit den beiden eine starke Gegenerz\u00e4hlung gefunden habe. Oder die mich gefunden hat. Ich interessiere mich f\u00fcr Menschen, die Au\u00dfenseiter sind, die man leicht \u00fcbersieht oder die als ganz gew\u00f6hnliche Figuren gelten.<\/p>\n<p>Der Film <a href=\"https:\/\/www.3sat.de\/film\/ab-18\/ab-18-anja-und-serjoscha-100.html\"><em>Anja und Serjoscha<\/em><\/a> ist\u00a0auf der 3sat-Mediathek abrufbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/Ivette-Loecker-Esther-Buss.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2202 size-full\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/wp-content\/uploads\/Ivette-Loecker-Esther-Buss-e1633600499640.png\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"724\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Ivette-Loecker-Esther-Buss-e1633600499640.png 1920w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Ivette-Loecker-Esther-Buss-e1633600499640-400x151.png 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Ivette-Loecker-Esther-Buss-e1633600499640-1200x453.png 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Ivette-Loecker-Esther-Buss-e1633600499640-768x290.png 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/Ivette-Loecker-Esther-Buss-e1633600499640-1536x579.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><\/a><\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 50%;\">\n<p><strong>Ivette L\u00f6cker<\/strong> ist aufgewachsen in St. Michael i. Lg.\/Salzburg (\u00d6sterreich). Sie studierte Slawistik (Russisch), Osteurop\u00e4ische Geschichte und Soziologie an der Universit\u00e4t Wien. Seit 1997 arbeitet sie als Regieassistentin, Rechercheurin und Produktionsleiterin bei verschiedenen Dokumentarfilmen, u.a. \u201ePripyat\u201c (1999) von Nikolaus Geyrhalter und \u201eHat Wolff von <br \/>\nAmerongen Konkursdelikte begangen?\u201c (2002) von Gerhard B. Friedl. Seit 2006 produziert sie Filme unter eigener Regie.<\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 50%;\">\n<p><strong>Esther Buss<\/strong> lebt und arbeitet als frei schaffende Filmkritikerin in Berlin. Ver\u00f6ffentlichungen\u00a0u. a. in\u00a0<em>kolikfilm<\/em>,\u00a0<em>Jungle World<\/em>,\u00a0<em>Filmdienst<\/em>,\u00a0<em>Sissy<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Der Tagesspiegel<\/em>. Seit Anfang 2021 arbeitet sie im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums zum First Person Cinema.\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Referenz erweisen (3): Die Filmkritikerin Esther Buss im Gespr\u00e4ch mit der Dokumentaristin Ivette L\u00f6cker. \u00a0\u201eIch versuche, meinen Figuren nahe zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen, das bedeutet aber nicht, dass ich ihnen unkritisch gegen\u00fcberstehe. 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