{"id":2576,"date":"2023-02-01T12:21:20","date_gmt":"2023-02-01T10:21:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=2576"},"modified":"2023-02-14T14:25:15","modified_gmt":"2023-02-14T12:25:15","slug":"es-wurde-eine-grenze-ueberschritten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/es-wurde-eine-grenze-ueberschritten\/","title":{"rendered":"\u201cEs wurde eine Grenze \u00fcberschritten\u201d"},"content":{"rendered":"<p><b>2021 pr\u00e4sentierte Robin Humboldt in der doku.klasse seinen Stoff \u00a0<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">Only for the moment<\/span><b>, konnte das Projekt jedoch nicht realisieren. Was die Gr\u00fcnde daf\u00fcr waren, erz\u00e4hlt der Regisseur im Gespr\u00e4ch mit Aycha Riffi.<\/b><\/p>\n<p><b>A: Wie entstand Idee zu einem Film \u00fcber Alex? Und was war deine Motivation daf\u00fcr?<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Die Idee war, einen Langfilm zu machen, und lag schon ein paar Jahre zur\u00fcck. 2016 haben wir Alex kennengelernt, einen jungen Mann, der in Stuttgart als Escort gearbeitet hat. Wir hatten damals den Plan, eine Art Milieustudie \u00fcber m\u00e4nnliche Prostitution zu drehen. Durch das Gerd Ruge Stipendium gab es die M\u00f6glichkeit, nach Stuttgart zu ziehen und dort in einer Anlaufstelle f\u00fcr Sexarbeiter*innen zu arbeiten. So lernten wir Alex kennen, der sofort aus der Gruppe herausstach. Er wirkte reifer, erwachsener, und Partys waren f\u00fcr ihn weniger zentral. Er war eher auf einer Sinnsuche und interessierte sich f\u00fcr Philosophie und Psychologie. Schnell wurde uns klar, dass er einer der Protagonisten werden k\u00f6nnte, auch, weil man mit ihm gute Gespr\u00e4che f\u00fchren konnte. Und dann haben wir Zeit investiert, um ein Vertrauensverh\u00e4ltnis aufzubauen, zu ihm, aber auch zu seinem Umfeld, da wir ihn in seinem Alltag und in Interaktion mit Kollegen begleiten wollten. Erst war Alex clean, doch dann fing er wieder an, Drogen zu nehmen. Das setzte eine Abw\u00e4rtsspirale in Gang, die letztendlich zu seiner Inhaftierung f\u00fchrte. Das war der Moment, an dem wir das Projekt zum ersten Mal auf Eis legen mussten.<\/span><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>A: Dein 2014 erschienener Film <\/b><span style=\"font-weight: 400;\">Am K\u00f6lnberg<\/span><b>, den du gemeinsam mit Laurentia Genske realisiert hast, war auch eine Art \u201eMilieustudie\u201c.\u00a0 Was interessiert dich als Filmemacher an Menschen in mitunter auch sehr schwierigen Lebenssituationen?<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Ich m\u00f6chte mehr dar\u00fcber erfahren, nicht auf eine voyeuristische Art, sondern manchmal auch voller Bewunderung. Denn einige Menschen legen einen \u00dcberlebenstrotz an den Tag, obwohl sie vielleicht nicht die besten Karten hatten, und schaffen es, nicht den Lebensmut zu verlieren. In <\/span><b>Am K\u00f6lnberg <\/b><span style=\"font-weight: 400;\">gab es eine Frau, die heroinabh\u00e4ngig war und deren Tag mit Konsum und Beschaffung gef\u00fcllt war, die aber auch Gedichte schrieb und Bilder malte. Ich bewundere das, weil ich glaube, dass ich mich in dieser Situation gehen lassen w\u00fcrde. Dokumentarfilme bieten da eine gute M\u00f6glichkeit, Zuschauer*innen zu zeigen, welche Realit\u00e4ten es in unserer Gesellschaft noch gibt.<\/span><\/p>\n<p><b>A: Manchmal werden bestimmte Vorurteile best\u00e4tigt, aber es werden auch ganz viele nicht best\u00e4tigt und man sieht etwa, wie du es eben auch beschrieben hast, dass die Menschen unglaublich kreativ sind. Das war auch ein Punkt, der uns an deinem Expos\u00e9 bzw. an Alex interessiert hat. Doch das Filmprojekt war dann alles andere als einfach f\u00fcr dich.<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Ja, es kam dann die Nachricht, dass Alex einen Menschen umgebracht hat und inhaftiert wurde. Da war die Motivation dann erstmal zwei, drei Jahre komplett weg, weil dies nat\u00fcrlich sehr ersch\u00fctternd war. Und dar\u00fcber hinaus wollten wir keinen Film \u00fcber einen Mordfall machen, sondern \u00fcber einen Menschen \u2013 der uns ab da aber abhandengekommen ist.<\/span><\/p>\n<p><b>A: Das hei\u00dft, dass es an dieser Stelle eine \u201erote Linie\u201c f\u00fcr dich gab? <br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Ja, in diesem Fall wurde eine Grenze \u00fcberschritten. Ich war sogar Zeuge in seinem Prozess, weil ich \u00fcber Facebook lange sein einziger Gespr\u00e4chspartner war. Dadurch war ich viel tiefer drin, als ich es eigentlich wollte. Das Projekt lag anschlie\u00dfend lange in der Schublade, bis die Idee kam, es bei der 3sat Ausschreibung \u201cAb 18\u201d einzureichen. Zwischenzeitlich stand ich mit Alex in Kontakt und merkte, dass er wieder clean war und dass es m\u00f6glich ist, im Gef\u00e4ngnis Gespr\u00e4che mit ihm zu f\u00fchren.<\/span><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>A: Im dokumentarischen Film gibt es fast immer zwei Dinge: Einen Plan, den man sich als Filmemacher*in vornimmt und das, was letztendlich passiert. Kannst du sagen, wie du dir den Film vorgestellt hast? <br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Der Film h\u00e4tte zu weiten Teilen aus dem beobachtenden Filmmaterial bestanden, das wir in den Monaten, bevor es zum Mord kam, gedreht hatten. Erg\u00e4nzt h\u00e4tten wir das in einer zweiten Ebene mit den Nachrichten, die er mir geschickt hat. Das waren starke Texte mit einer poetischen und literarischen Kraft. Dadurch hatten wir die M\u00f6glichkeit, aus seiner Perspektive zu erz\u00e4hlen und ihm auch eine St\u00e4rke zu geben.<\/span><\/p>\n<p><b>A: Wir trafen uns mit der doku.klasse in Duisburg im Herbst 2021. Da warst du gerade mitten im Filmprojekt. Wieso hast du dich darauf eingelassen, mit uns \u00fcber dein Expos\u00e9 zu reden und deine Pl\u00e4ne und Ideen mit der doku.klasse zu teilen? <br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Es ist schwierig, wenn man eigentlich noch mitten in einem Schaffensprozess ist und dann zwischendurch Feedback bekommt. In dem Fall war es gut, weil wir schon einen ganzen Block des Films hatten. Zu dem Zeitpunkt war ich auch noch total offen, was die Form anging und war gespannt, mit jungen Menschen dar\u00fcber reden zu k\u00f6nnen und zu erfahren, was sie an Alex fasziniert. Nach dem doku.klasse-Workshop hatte ich das Gef\u00fchl, dass sich die Leute daf\u00fcr interessieren und es ein runder Film wird. Vorher war ich mir da nicht sicher, ob das \u00fcber den schrecklichen Vorfall hinaus klappen k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p><b>A: Machst du Filme f\u00fcr ein bestimmtes Publikum oder spielt das erstmal keine Rolle?<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Dar\u00fcber habe ich mir bisher noch nicht viele Gedanken gemacht. Man sagt, Dokumentarfilme werden eher von \u00e4lteren Menschen geguckt. Aber ich glaube, man macht es eher f\u00fcr Leute in seinem eigenen Alter. Ich will, dass der Film Leuten aus meinem Umfeld gef\u00e4llt, und sie sind auch ein Ma\u00dfstab. Also wenn ich merke, meine Freunde w\u00fcrden sich das gar nicht angucken, dann w\u00fcrde ich daran zweifeln, ob es gut ist. Wobei, wenn man eine Idee aufschreibt, sind die Adressat*innen erstmal Auswahlgremien und Sendervertreter*innen, die zun\u00e4chst von dem Vorhaben \u00fcberzeugt werden m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p><b>A: Was wir bei deinem Stoff wirklich lernen und sehen k\u00f6nnen, ist, dass Zeit eine gro\u00dfe Rolle spielt, ebenso Zufall und Gl\u00fcck. Diese Faktoren sind h\u00e4ufig entscheidend beim Dokumentarfilm und kommen bei deinem Stoff wirklich sehr stark zum Tragen. Wann ist die Entscheidung gefallen, dass der Film nicht zu Ende gedreht wird? <br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: In dem Fall hat es der Protagonist selbst entschieden. Wir hatten nach fast einem Jahr \u00dcberzeugungsarbeit und zahlreichen Briefen und Telefonaten an das Justizministerium die Genehmigung, in der JVA zu filmen. Es gab viele Vorgespr\u00e4che mit Alex, und der Dreh stand. Am ersten Drehtag hat er sich dann entschieden, doch nicht zu erscheinen. Man muss dazu sagen, dass er sich zu diesem Zeitpunkt seinem Alltag in der Haft komplett verweigert hat und zwischenzeitlich auch im Krankenhaus war. Aber ich wei\u00df nicht, was ihn letztendlich dazu bewogen hat. Kurz vorher war er noch froh, dass es mit dem Film weiterging, und ich hatte das Gef\u00fchl, dass es eine Bereicherung f\u00fcr ihn sei, sich wieder \u00e4u\u00dfern zu k\u00f6nnen Aber dann reagierte er nicht mehr auf meine Briefe. Ab dem Moment war klar, dass wir auch das alte Material nicht mehr verwenden werden.<\/span><\/p>\n<p><b>A: Du hast so unglaublich viel Zeit und unbezahlte Arbeit in das Projekt gesteckt. Wie geht das, mit so etwas abzuschlie\u00dfen? Und hast du dich auf professioneller und\/oder emotionaler Ebene von Alex verabschieden k\u00f6nnen? <br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Es ist schwierig, abzuschlie\u00dfen, und ich f\u00fchle mich durch die gemeinsame Zeit noch mit Alex verbunden. Andererseits hoffe ich aber auch, abschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Es war manchmal eine sehr ambivalente Entscheidung, wie der Kontakt gehalten werden kann, um mit dem Film weitermachen zu k\u00f6nnen. Es ist beispielsweise wichtig, die Entscheidung zu treffen, welche Kontaktdaten man selbst weitergibt \u2013 die B\u00fcro- oder Wohnungsadresse? Und so entsteht nat\u00fcrlich auch ein Ungleichgewicht. Und das hat auch Alex gesp\u00fcrt. Das war vielleicht ein Punkt, an dem f\u00fcr ihn das Vertrauensverh\u00e4ltnis auch nicht mehr komplett da war.<\/span><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>A: Das ist total nachvollziehbar von beiden Seiten. Ich frage mich in dem Kontext, ob man in der Filmschule auf das Arbeiten mit Protagonist*innen vorbereitet wird. Man hat mit realen Menschen zu tun und muss mitunter schwierige Entscheidungen treffen. Haben die aktuellen Erfahrungen Einfluss auf deine Arbeit als Filmemacher?<br \/>\n<\/b><span style=\"font-weight: 400;\">R: Meine Tendenz geht dahin, dass ich mir bei allen zuk\u00fcnftigen Projekten die Frage stelle, was es mit meiner eigenen Psyche macht. Kann ich so lange Zeit mit den Menschen an den Orten verbringen? Gibt es auch mal \u201esch\u00f6nere Orte\u201c, wo es auch interessante Geschichten gibt? Viele Filmemacher*innen machen ja auch einen Mix und wechseln die Genres. Was auch abgewogen werden muss, ist die intensive unbezahlte Arbeit, bei der man ohne finanzielle Sicherheit weit in Vorkasse gehen muss. Oft sind es andere Jobs, die es erlauben, Zeit in den Dokumentarfilm zu stecken.<\/span><\/p>\n<p><b>A: Respekt daf\u00fcr, dass du so lange an dem Filmvorhaben festgehalten hast. Im Workshop mit der doku.klasse waren wir sehr angetan von deinem Expos\u00e9, und Alex\u2019 Geschichte ist uns sehr nahe gegangen. Und mit der Besch\u00e4ftigung haben wir \u2013 so denke ich \u2013 Einiges erfahren und lernen k\u00f6nnen. Herzlichen Dank daf\u00fcr und f\u00fcr das Interview!<\/b><\/p>\n<p><br style=\"font-weight: 400;\" \/><br \/>\n<br style=\"font-weight: 400;\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2021 pr\u00e4sentierte Robin Humboldt in der doku.klasse seinen Stoff \u00a0Only for the moment, konnte das Projekt jedoch nicht realisieren. Was die Gr\u00fcnde daf\u00fcr waren, erz\u00e4hlt der Regisseur im Gespr\u00e4ch mit Aycha Riffi. A: Wie entstand Idee zu einem Film \u00fcber Alex? Und was war deine Motivation daf\u00fcr? R: Die Idee war, einen Langfilm zu machen, und lag schon ein paar Jahre zur\u00fcck. 2016 haben wir Alex kennengelernt, einen jungen Mann, der in Stuttgart als Escort gearbeitet hat. Wir hatten damals den Plan, eine Art Milieustudie \u00fcber m\u00e4nnliche Prostitution zu drehen. Durch das Gerd Ruge Stipendium gab es die M\u00f6glichkeit, nach Stuttgart zu ziehen und dort in einer Anlaufstelle f\u00fcr Sexarbeiter*innen zu arbeiten. So lernten wir Alex kennen, der sofort aus der Gruppe herausstach. Er wirkte reifer, erwachsener, und Partys waren f\u00fcr ihn weniger zentral. Er war eher auf einer Sinnsuche und interessierte sich f\u00fcr Philosophie und Psychologie. Schnell wurde uns klar, dass er einer der Protagonisten werden k\u00f6nnte, auch, weil man mit ihm gute Gespr\u00e4che f\u00fchren konnte. 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