{"id":2813,"date":"2024-07-12T11:11:59","date_gmt":"2024-07-12T09:11:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/?p=2813"},"modified":"2024-07-12T11:13:39","modified_gmt":"2024-07-12T09:13:39","slug":"wie-geht-dokumentarfilm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wie-geht-dokumentarfilm\/","title":{"rendered":"Wie geht Dokumentarfilm?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Bundes.Festival.Film. in Kooperation mit doxs! ist vorbei, aber dank unserer Protokollantin Maxi Braun gibt es hier den Bericht zum Dokumentarfilm-Panel mit unseren G\u00e4st*innen Britta Wandaogo, Julia Milz, Mala Reinhardt und Sven Ilgner. Viel Spa\u00df beim Lesen und Revue passieren lassen!<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Protokoll zum Panel im Rahmen des Bundes.Festival.Film am 9. Juni 2024 in Duisburg<br \/>\n11-12:20 Uhr<\/p>\n<p>Das von Tanja Tlatlik (Leiterin doxs!) moderierte Panel war mit vier Dokumentarfilmenthusiast*innen besetzt, die f\u00fcr unterschiedliche Herangehensweisen an den k\u00fcnstlerischen Dokumentarfilm stehen, was schon in der ersten lockeren Vorstellungsrunde deutlich wurde.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_04_26_07-komp.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-2817\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_04_26_07-komp-1200x675.png\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_04_26_07-komp-1200x675.png 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_04_26_07-komp-400x225.png 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_04_26_07-komp-768x432.png 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_04_26_07-komp.png 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><br \/>\n<strong>Sven Ilgners<\/strong> Berufsweg f\u00fchrte beispielweise \u00fcber verschiedene Stationen. Als 23-J\u00e4hriger wurde er f\u00fcr seinen dokumentarischen Deb\u00fctfilm <em>Elchfallen <\/em>mit dem Bundesvideopreis \u2013 wie die Auszeichnung beim Bundes.Festival.Film 2002 noch hie\u00df \u2013 gew\u00fcrdigt,\u00a0 mit dem er sich erfolgreich f\u00fcr die KHM bewarb. Das habe sein Leben ver\u00e4ndert. Bis dahin sei Film f\u00fcr ihn immer gleichbedeutend mit Indiana Jones gewesen. Beim Dreh und der Zeit an der KHM habe er den Dokumentarfilm und dessen k\u00fcnstlerische Aspekte aber kennen und lieben gelernt. Sp\u00e4ter war er u.a. als Kurator, Leiter des Filmb\u00fcro NW und von 2012 bis 2016 als F\u00f6rderreferent der Film- und Medienstiftung NRW t\u00e4tig und konnte so auf dem Panel Einblicke in die Entscheidungsprozesse von F\u00f6rdergremien geben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_01_45_17-komp.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-2815\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_01_45_17-komp-1200x675.png\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"473\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auch Regisseurin <strong>Mala Reinhardt<\/strong> kam erst \u00fcber Umwege zum Dokumentarfilm. Als Jugendliche mit Migrationsgeschichte habe sie Dokumentarfilme immer f\u00fcr etwas Elit\u00e4res gehalten, zu dem sie keinen Zugang hatte und wo es f\u00fcr sie keine Vorbilder gab. Sie studierte zun\u00e4chst Ethnologie in K\u00f6ln, Neu-Delhi und Kampala. Selbst Filme zu realisieren war undenkbar, bis sie es 2015 in Indien einfach tat. Sie portr\u00e4tierte eine Gruppe Frauen, die S\u00e4ureangriffe \u00fcberlebt und sich danach organisiert und solidarisiert hatten. Sp\u00e4ter studierte sie Regie an der Filmuniversit\u00e4t Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam und konzentrierte sich in ihrer filmischen Arbeit auf unerz\u00e4hlte Geschichten aus migrantischer und feministischer Sicht. Ihr Film <em>Der zweite Anschlag<\/em> dokumentiert die bisher wenig beachtete Perspektive der Betroffenen rassistischer Gewalt in Deutschland seit den 1990er Jahren. Reinhardt betonte \u2013 besonders im Hinblick auf die Arbeit mit Protagonist*innen, die Gewalt erlebt haben \u2013 ihre besondere Verantwortung als Dokumentarfilmerin. Sie sei sich bei der Arbeit stets bewusst gewesen, dass sie alte Wunden aufrei\u00dfen und eine Retraumatisierung nicht psychologisch h\u00e4tte auffangen k\u00f6nnen und stand so exemplarisch f\u00fcr einen sensiblen Umgang mit Protagonist*innen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_02_18_01-komp.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-2816\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_02_18_01-komp-1200x675.png\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_02_18_01-komp-1200x675.png 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_02_18_01-komp-400x225.png 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_02_18_01-komp-768x432.png 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_02_18_01-komp.png 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\nEin vertrauensvoller Umgang mit den Menschen vor der Kamera ist auch Regisseurin <strong>Julia Milz<\/strong> wichtig. Sie studierte Regie an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin (Dffb), arbeitet als Editorin (zuletzt <em>Geschlechterkampf \u2013 Das Ende des Patriarchats<\/em>) und ist seit 2023 beim Projekt \u201espots\u201c in der Film- und Medienbildung t\u00e4tig, wo sie gemeinsam mit Jugendlichen Kurzfilme erarbeitet und Impulse aus der Anti-Diskriminierungsarbeit einflie\u00dfen l\u00e4sst. In ihren Filmen nimmt sie gerne Bezug auf ihre Rolle als Filmemacherin, zuerst interessiere sich aber f\u00fcr Ph\u00e4nomene. In einem zweiten Schritt suche und finde sie dann Menschen, die sie faszinieren und Aspekte und Themen aufbringen, die bis dato unangenehm und unausgesprochen seien. Immer sei sie bisher auch das Risiko eingegangen, den Gefilmten ihre Schnittfassungen vorab zu zeigen \u2013 auch auf die Gefahr hin, dass diese ihre Einwilligung zur\u00fcckziehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen mutig ins Get\u00fcmmel st\u00fcrmenden und unverkopften Zugang zum dokumentarischen Arbeiten steht Regisseurin <strong>Britta Wandaogo<\/strong>. Sie studierte an der KHM und begleitete f\u00fcr ihr Dokumentarfilmdeb\u00fct <em>Den Affen t\u00f6ten<\/em> (1994) Drogenabh\u00e4ngige in Dortmund. In <em>Nichts f\u00fcr die Ewigkeit<\/em> (2011) portr\u00e4tierte sie ihren Bruder, der selbst heroinabh\u00e4ngig war und thematisierte in <em>Die Krokodile der Familie Wandaogo<\/em> und <em>Krokodile ohne Sattel<\/em> die Beziehung zu ihrem afrikanischen Mann und das Leben in Burkina Faso. Seit 2010 ist sie Professorin f\u00fcr dokumentarische, journalistische und k\u00fcnstlerische Filmformate im Fachbereich Design (Peter Behrens School of Arts) an der Hochschule D\u00fcsseldorf. Sie komme urspr\u00fcnglich vom Fotojournalismus, in Bildern zu denken sei ihr daher immer leicht gefallen und auf (finanzielle) Sicherheit habe sie nie besonders viel Wert gelegt.<\/p>\n<p>Auch das Publikum, darunter viele junge Filmschaffende, nutzen die Gelegenheit, Fragen an die Panelist*innen zu stellen, wie die nach der richtigen Formulierung f\u00fcr F\u00f6rderantr\u00e4ge in Bezug auf Dokumentarfilme. <br \/>\nIlgner konnte hier aus Sicht der F\u00f6rdergremien viele praktische Tipps geben. F\u00f6rderer w\u00fcssten, dass Dokumentarfilme anders funktionierten als Spielfilme und im Verlauf der Dreharbeiten viel Unvorhergesehens passieren k\u00f6nne. Wichtig sei, dass aus dem F\u00f6rderantrag die eigene Neugier an einem Thema deutlich werde. F\u00fcr einen Autorenfilm sei es ok, wenn die Idee noch unstrukturiert sei, aber ein Thema, m\u00f6gliche Protagonist*innen und die visuelle Form m\u00fcssten herauslesbar sein. Er riet au\u00dferdem dazu, sich nicht entmutigen zu lassen, Gleichgesinnte zu suchen und auch f\u00fcr Kritik von au\u00dfen offen zu bleiben. Reinhardt hielt es f\u00fcr wichtig, eine plausible Idee zu pr\u00e4sentieren, der man gut folgen k\u00f6nne. Wandaogo erinnerte in diesem Kontext an die Unvorhersehbarkeit des dokumentarischen Prozesses: Es sei gut, vorher etwas aufzuschreiben, aber wichtig, sp\u00e4ter ganz woanders zu landen. Generell, da waren sich die Panelist*innen einig, helfe es, sich nicht zu abh\u00e4ngig von F\u00f6rderentscheiden zu machen.<\/p>\n<p>Auf die Frage nach dem Nutzen von einem Filmhochschulstudium fielen die Antworten ambivalent aus. Einerseits finde und bilde man dort Netzwerke, kn\u00fcpfe Kontakte und lerne, wie die Branche funktioniere. Reinhardt und Milz berichteten, dass sie erst auf der Filmschule gelernt h\u00e4tten, wie die Branche funktioniert, was ein Pitch oder ein Treatment sei. Au\u00dferdem k\u00f6nne teilweise die Technik kostenlos genutzt werden. Allerdings scheint sich hier in den letzten 30 Jahren viel ver\u00e4ndert zu haben. W\u00e4hrend Wandaogo sich an ihre n\u00e4chtliche Montage an freien AVID-Schnittpl\u00e4tzen der KHM und ihr damaliges Gef\u00fchl erinnerte, nie wieder so frei werde arbeiten zu k\u00f6nnen, war Reinhardt von den M\u00f6glichkeiten in den 2010er Jahren in Potsdam eher desillusioniert. Das hochwertige Equipment sei eben nicht f\u00fcr alle Studierenden jeder Fachrichtung frei verf\u00fcgbar \u2013 sie als Regieperson habe beispielsweise keine Kamera ausleihen k\u00f6nnen \u2013 und das b\u00fcrokratische Prozedere f\u00fcr den Dreh eigenen Materials oft kompliziert. Au\u00dferdem f\u00f6rdere die Filmhochschule auch den Konkurrenzkampf, da die Ressourcen nunmal begrenzt seien. Zus\u00e4tzlich wusste Wandaogo zu berichten, dass filmische und auch k\u00fcnstlerische Studieng\u00e4nge mittlerweile sehr verschult seien. Ilgner befand, es g\u00e4be zwei Varianten, Film zu lernen: Filme zu machen oder welche zu gucken. Wandaogo widersprach, sie habe bewusst wenig Filme geschaut, um sich einen offenen, unvoreingenommenen Blick zu bewahren und nicht zu kopieren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_00_45_07_komp.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-2814\" src=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_00_45_07_komp-1200x675.png\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_00_45_07_komp-1200x675.png 1200w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_00_45_07_komp-400x225.png 400w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_00_45_07_komp-768x432.png 768w, https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/wp-content\/uploads\/04_00_45_07_komp.png 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Neben weiteren Exkursen in \u00e4sthetische Trends im aktuellen Dokumentarfilm (jede Zeit hat ihre Bilder; neue Technik ver\u00e4ndert die Bildsprache; die F\u00fclle der Streaminginhalte habe zu einer \u00e4sthetischen Gleichschaltung gef\u00fchrt) wollte das Publikum gegen Ende noch konkreter und aus erster Hand mehr \u00fcber die Lebensrealit\u00e4t der anwesenden Dokumentarfilmschaffenden erfahren. Wenn sich der filmische Prozess \u00fcber Jahre hinziehe, der Ausgang ungewiss sei, F\u00f6rderung eher die Ausnahme \u2013 wie \u00fcberlebt man dann?<\/p>\n<p>Julia Milz gab ehrlich zu, dass F\u00f6rderantr\u00e4ge zu schreiben und Pitches zu pr\u00e4sentieren viel kreative Energie absauge und riet dazu, unabh\u00e4ngig von F\u00f6rderungen einfach erstmal loszuziehen, zu beobachten und ein Filmtagebuch zu f\u00fchren. Ilgner gab zu, zwischendurch \u201eeingeknickt\u201c zu sein und unterschiedliche Jobs angenommen zu haben,\u00a0 um die Miete zahlen zu k\u00f6nnen. Reinhardt erz\u00e4hlte davon, dass es \u00fcblich sei, parallel an mehreren Projekten zu arbeiten, von denen letztlich auch nicht alle immer zustande k\u00e4men. Dokumentarfilme zu drehen sei nunmal eine pr\u00e4kere Angelegenheit, die viel unbezahlte Arbeit verlange. Viele ihrer ehemaligen Kommiliton*innen w\u00fcrden von der Arbeit in der Filmbranche leben, m\u00fcssten aber auch viele Auftragsarbeiten annehmen. Nur vom Dokumentarfilm zu leben sei insbesondere in Deutschland kaum m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Dieser Erkenntnis zum Trotz bereute keine*r der Panelist*innen den eingeschlagenen Berufsweg. Sie ermutigten die Filmbegeisterten im Publikum, einfach rauszugehen und sich auszuprobieren. Die Technik und das Equipment seien dabei meist nicht entscheidend. Viel wichtiger sei Neugierde , Herzblut und f\u00fcr Thema und Film zu brennen. Ohne diese Leidenschaft gehe es im Dokumentarfilm nicht.<\/p>\n<p>Fotos: Tobias Lelgemann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bundes.Festival.Film. in Kooperation mit doxs! ist vorbei, aber dank unserer Protokollantin Maxi Braun gibt es hier den Bericht zum Dokumentarfilm-Panel mit unseren G\u00e4st*innen Britta Wandaogo, Julia Milz, Mala Reinhardt und Sven Ilgner. 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