{"id":480,"date":"2014-10-17T16:32:33","date_gmt":"2014-10-17T14:32:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=480"},"modified":"2018-05-23T13:26:17","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:17","slug":"gesichter-sind-landschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/gesichter-sind-landschaften\/","title":{"rendered":"Gesichter sind Landschaften"},"content":{"rendered":"<h2>Workshop zum Projekt \u201cDiego\u201c (AT) von Kristina Konrad\u00a0<\/h2>\n<p>Kristina Konrad hat schon viel von der Welt gesehen. Sie lebte lange in Nicaragua und drehte unter anderem in Uruguay und auf Kuba. Zu Beginn des Workshops zeigte sie Ausschnitte aus &#8222;Unser America&#8220;, einem Film \u00fcber die sandinistische Revolution in Nicaragua damals und aus heutiger Sicht, und aus Weit weg von hier, einem Portr\u00e4t \u00fcber eine junge Frau in einem Armenviertel in Montevideo\/Uruguay. Nun plant die geb\u00fcrtige Schweizerin Diego (AT) und betritt damit eine f\u00fcr sie \u201eunbekannte Welt\u201c, wie sie offen zugab.<!--more--><\/p>\n<p>Diego, der titelgebende Protagonist, ist Anfang 20 und studiert Physik in Oxford. Ob ihn sein Weg irgendwann einmal in die Forschung oder in das globale Finanzsystem f\u00fchren wird, ist offen. \u201eIch bin sehr neugierig, an der Seite von Diego in die elit\u00e4re Welt der Oxford-Universit\u00e4t und der Hochfinanz einzutauchen und sie n\u00e4her kennenzulernen\u201c, sagte sie. Diese Neugierde teilten die Workshop-Teilnehmer. Aber sie machten auch keinen Hehl daraus, dass ihnen Diego \u2013 ein sehr selbstbewusster und meinungsstarker junger Mann, in privilegierten Verh\u00e4ltnissen aufgewachsen, Vater erfolgreich in der Finanzbranche \u2013 eher fremd ist.<\/p>\n<p>Diego sei ihm nicht unbedingt sympathisch, sagte einer der Teilnehmer, und bezog sich auf die ablehnende Haltung des Protagonisten gegen\u00fcber \u201cWeltverbesserern\u201c und \u201cGutmenschen\u201c und seine Argumentation pro Gentechnik und Atomkraft. Doch genau das, erg\u00e4nzte ein Workshop-Kollege, k\u00f6nne ja auch au\u00dferordentlich spannend sein: Hinter die Fassade eines Menschen zu blicken, der zun\u00e4chst einmal nicht die gr\u00f6\u00dfte Identifikationsfl\u00e4che bietet.<\/p>\n<p>Kristina Konrad warnte vor \u201eSchwarzwei\u00dfdenken\u201c: \u201eIch m\u00f6chte die Bankenwelt nicht verteidigen\u201c, sagte sie, \u201eaber es gibt auch dort sehr viele schillernde und auch durchaus sympathische Menschen. Au\u00dferdem ist allgemein bekannt, dass viele Mathematiker zum Beispiel \u00e4u\u00dferst musikalisch sind. Ich sehe das Projekt deshalb auch als Chance zu \u00fcberpr\u00fcfen, inwieweit die Klischees und Vorurteile gegen\u00fcber Bankern zutreffen oder nicht.\u201c Eine gewisse Ambivalenz entdeckte die Arbeitsgruppe auch in der Figur Diegos: Auf der einen Seite strahle er im Expos\u00e9 eine gro\u00dfe Selbstsicherheit aus, die aber ins Wanken gerate, sobald die Rede etwa auf die Liebe komme. \u201eEr scheint Angst davor zu haben, entt\u00e4uscht zu werden\u201c, schilderte eine Teilnehmerin ihren Eindruck. Dar\u00fcber w\u00fcrde sie gerne mehr erfahren.<\/p>\n<p>\u201eDass das Thema Liebe auf Interesse st\u00f6\u00dft, hat mich nicht \u00fcberrascht\u201c, sagte Kristina Konrad nach dem Workshop, \u201edenn wen interessiert die Liebe nicht? F\u00fcr mich war die Reaktion aber schon auch eine Best\u00e4tigung, diesem Aspekt im Stoff eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.\u201c Auch dass Diego den meisten Teilnehmer zun\u00e4chst vor allem als \u201eprivilegiertes, reiches Kind\u201c vorgekommen sei, habe sie nicht erstaunt. \u201eNat\u00fcrlich ist das immer auch eine Frage der Perspektive. Zuschauer, die eher aus einem Upper-Class-Zusammenhang stammen, w\u00fcrden h\u00f6chstwahrscheinlich andere Schl\u00fcsse ziehen.\u201c<\/p>\n<p>Froh war die Regisseurin im Nachhinein dar\u00fcber, dass Diego der Gruppe als Person und Protagonist im Laufe der Diskussion n\u00e4hergekommen sei \u2013 einerseits durch sein Hadern mit der Liebe, andererseits durch sein von gro\u00dfer N\u00e4he gepr\u00e4gtes und vielschichtiges Verh\u00e4ltnis zu seinem Vater. \u201eSein Vater ist f\u00fcr Diego offensichtlich nicht nur Papa, sondern auch eine Art Gesch\u00e4ftspartner oder Arbeitskollege\u201c, analysierte eine Teilnehmerin. Gro\u00dfen Zuspruch fand daher auch der Plan Konrads, Vater und Sohn bei einer gemeinsamen Unternehmung, zum Beispiel einer Bergwanderung, zu begleiten, um ihre Beziehung genauer zu beleuchten.<\/p>\n<p>Eher kontrovers wurde dagegen die Idee diskutiert, Diego auf der Gitarre Lieder spielen zu lassen und sie m\u00f6glicherweise als Soundtrack zu verwenden. Einer der Einw\u00e4nde lautete: Diego w\u00fcrde damit nur eine weitere B\u00fchne f\u00fcr seinen Hang zur Selbstdarstellung geboten, auf der er zeige k\u00f6nne, was er sonst noch so kann. Die Gegenseite argumentierte: Musik sei ein sehr pers\u00f6nlicher Ausdruck und k\u00f6nne Diego als Figur sympathischer machen. Au\u00dferdem wurde ein solcher \u201cSelfmade-Soundtrack\u201c als interessantes Stilmittel gelobt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kristina Konrad ist Film, wie sie betonte, immer auch Manipulation. \u201eMein Ziel ist es, diese Manipulation m\u00f6glichst offen zu zeigen.\u201c Als Beispiel f\u00fchrte sie die Verwendung von Off-Texten an. Damit ginge sie eher vorsichtig um, da man mit O-T\u00f6nen aus dem Off im Prinzip alles machen k\u00f6nne \u2013 sie k\u00fcrzen, sie neu und anders zusammensetzen, ganz nach seinen W\u00fcnschen. \u201eAuch wenn mir bewusst ist, dass es heute nicht mehr unbedingt &#8218;in&#8216; ist, in einer Gespr\u00e4chssituation die Fragen drin zu lassen, finde ich es trotzdem wichtig. Denn dadurch bekommt der Zuschauer ein Bild davon, wie klug oder dumm der Regisseur fragt.\u201c Zudem, so die Filmemacherin, sei der Moment extrem spannend, wie der Protagonist dem Befragenden zuh\u00f6rt und wie er auf dessen Fragen reagiert: \u201eGesichter sind Landschaften.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Workshop zum Projekt \u201cDiego\u201c (AT) von Kristina Konrad\u00a0 Kristina Konrad hat schon viel von der Welt gesehen. Sie lebte lange in Nicaragua und drehte unter anderem in Uruguay und auf Kuba. Zu Beginn des Workshops zeigte sie Ausschnitte aus &#8222;Unser America&#8220;, einem Film \u00fcber die sandinistische Revolution in Nicaragua damals und aus heutiger Sicht, und aus Weit weg von hier, einem Portr\u00e4t \u00fcber eine junge Frau in einem Armenviertel in Montevideo\/Uruguay. 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