{"id":503,"date":"2014-10-24T08:08:36","date_gmt":"2014-10-24T06:08:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=503"},"modified":"2018-05-23T13:26:17","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:17","slug":"was-wir-zuruecklassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/was-wir-zuruecklassen\/","title":{"rendered":"Was wir zur\u00fccklassen"},"content":{"rendered":"<h2>Eine Filmkritik von Delia West zu Bettina Timms Dokumentarfilm \u00a0\u201eJocko 23\u201c \u2013 entstanden in der 3sat-Reihe \u201cAb 18!\u201c<\/h2>\n<p>Der Titel ist unspektakul\u00e4r. Schnell wird deutlich, dass es in diesem Film nicht um Diskotheken, Partys und Sauferei geht, sondern um einen jungen Mann, der im Osten Deutschlands in einer verlassenen Stadt nahe der polnischen Grenze lebt.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Jocko ist dort aufgewachsen und hilft seinem Adoptivvater, wie wir sp\u00e4ter erfahren, in seiner Firma, die sich mit der Reparatur von elektronischen Ger\u00e4ten besch\u00e4ftigt. Er erz\u00e4hlt, dass er oft mit Kuchen anstatt Geld versorgt wird, ihn das aber nicht sonderlich st\u00f6rt, da er gerne etwas f\u00fcr seine im Dorf ans\u00e4ssigen Mitb\u00fcrger erledigt. Sein Vater ist nach dem Tod seiner Frau vor drei Jahren nicht ganz auf der H\u00f6he. Die Arbeit des Reparaturservices bleibt an Jocko h\u00e4ngen. Der Protagonist ist 23 Jahre alt und arbeitet an seinem Muskelaufbau: mit einer \u201cselfmade\u201c- Flaschenzugapparatur, an der pro Seite drei mit Sand gef\u00fcllte Flaschen h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Der Film begleitet Jocko w\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit als Handwerker, bietet aber auch einen tiefen Einblick in die Gedanken und Sorgen des jungen Mannes. Er will einerseits aus diesem verlassenen Ort entkommen, nimmt sich auf der anderen Seite aber auch der Verantwortung an, die durch die Einschr\u00e4nkung seines Vaters und den Reparaturservice entsteht. Denn wer soll f\u00fcr seinen Vater sorgen, wenn er nicht mehr da ist? Es ist bemerkenswert, wie viele Gedanken sich ein doch noch junger Erwachsener um sein Umfeld macht, wo heutzutage so laut \u00fcber die fehlende Initiative und das geringe Engagement der Jugend geklagt wird. Der Film zeigt hier die andere Seite und unternimmt vielleicht auch den Versuch, bei Jugendlichen eine Botschaft zu hinterlassen. Was lassen wir zur\u00fcck, wenn wir uns entscheiden, f\u00fcr das Studium oder die Ausbildung umzuziehen? Eine Grundsatzfrage, die uns ein Leben lang begleitet.<\/p>\n<p>Durch die formalen Aspekte des Films kommt eine bedr\u00fcckende Melancholie ins Spiel, die durch lange Kameraeinstellungen und weit in die Ferne reichende Motive gepr\u00e4gt wird. Diese Stimmung passt zum Ort, der, \u00e4hnlich wie die Bilder, sehr ruhig und ausgeglichen wirkt. Mir gef\u00e4llt, dass die Bilder gr\u00f6\u00dftenteils f\u00fcr sich sprechen und nicht noch durch Off-Kommentare unn\u00f6tig erl\u00e4utert werden. Der Einsatz von Musik ist perfekt dosiert. Ich habe weder das Gef\u00fchl, es ist zu viel, noch frage ich mich nach dem Film, wieso nicht mehr Musik eingesetzt wurde.<\/p>\n<p>Ein immer wiederkehrendes Motiv ist Jockos Fahrrad. Es scheint, als k\u00f6nnte er auf seinem Rad alles und jeden erreichen. Dies spiegelt f\u00fcr mich die Idee des Ausrei\u00dfens aus der Provinz wider und verdeutlicht zum anderen die Welt, in der Jocko lebt. Andere in seinem Alter vergn\u00fcgen sich mit ihrem eigenen Auto auf den Landstra\u00dfen und er radelt durch den Osten, um meist \u00e4lteren Menschen oder Institutionen alte \u201eR\u00f6hrenfernseher\u201c f\u00fcr wenig Geld zu reparieren. Im Film wird f\u00fcr mich eine Sehnsucht nach diesem Ausbrechen miterz\u00e4hlt, einmal in der virtuellen Welt, in der Jocko selber an der Konsole zockt, oder ein weiteres Mal in der realen Welt, wenn man Autos \u00fcber die Landstra\u00dfe jagen sieht.<\/p>\n<p>Doch Jocko steht nicht v\u00f6llig abseits der Realit\u00e4t. Eigentlich ist er ganz normal und versp\u00fcrt den Wunsch nach Zuneigung. Er ist eitel und trainiert: Einerseits um auf der Stra\u00dfe Respekt zu bekommen, aber man merkt auch, dass er gerne eine Freundin h\u00e4tte. Seiner Meinung nach w\u00fcrde es aber kein M\u00e4dchen bei ihm Zuhause aushalten. In der kleinen alten Wohnung g\u00e4be es keine \u201ePrivatsph\u00e4re\u201c und sein Vater lebe ebenfalls in der Wohnung.<\/p>\n<p>Der Verdacht kommt auf, dass der Vater ein Alkoholproblem hat und mit dem Tod der Mutter in ein Tief geraten ist. Wom\u00f6glich der Grund, weswegen sich Jocko so sehr um dessen Wohl sorgt. Er spricht relativ offen dar\u00fcber, dass er bei seinen leiblichen Eltern wahrscheinlich ein besseres Leben gehabt h\u00e4tte. Umso sch\u00f6ner zu sehen, das Jocko sich \u201etrotzdem\u201c um seinen Vater und das kleine Gesch\u00e4ft k\u00fcmmert. Er wei\u00df, dass er ihn aufgenommen und ein Leben ohne Heim erm\u00f6glicht hat.<\/p>\n<p>Auf eine Sache m\u00f6chte ich noch eingehen: Die Bilder des Films wirken insgesamt sehr gestellt. Bevor Jocko ins Bild kommt, steht die Kamera genau bereit und f\u00e4ngt die Geschehnisse ein. Es gibt viele Szenen auf dem Rad, wo er ins Bild und aus dem Bild heraus f\u00e4hrt. Oder die Sequenz im Schwimmbad, in der Jocko durch die zu sehende T\u00fcr hereinkommt, zum rechten Bildrand herausl\u00e4uft und anschlie\u00dfend das Wasser aus dem Wasserfall links im Bild sprudelt. Eine perfekt komponierte Szene, die bei mir ein befremdliches Gef\u00fchl ausl\u00f6st. Man hat als Zuschauer nicht den Eindruck, Teil seines Lebens zu sein, sondern fungiert als Beobachter und entwickelt \u2013 die Interviews ausgenommen \u2013 ein distanziertes Verh\u00e4ltnis zum Protagonisten.<\/p>\n<p>Das Thema des Films ist durchaus interessant und ansprechend. Allerdings habe ich das Gef\u00fchl, dass das Leben auf dem Land oder in der Provinz mittlerweile ziemlich zerkaut ist, deswegen finde ich gut, dass das in diesem dokumentarischen Format nicht im Vordergrund steht. Jockos Leben, seine Sorgen und \u00c4ngste, seine Sehns\u00fcchte und W\u00fcnsche sind im Fokus. Der Film erz\u00e4hlt seine Geschichte inhaltlich authentisch, auf der visuellen Ebene f\u00fcr meinen Geschmack leider zu komponiert.<\/p>\n<p>Die letzte Einstellung, in der Jocko von vorne auf dem Rad zu sehen ist, anders als bei den \u00fcblichen Bildern, l\u00e4sst Spielraum f\u00fcr das offene Ende und man fragt sich: Wann wird er in die Gro\u00dfstadt gehen oder geht er \u00fcberhaupt? Bettina Timm bietet dem Zuschauer die M\u00f6glichkeit, eigene Gedanken beim Schauen mit einzubeziehen \u2013 und erz\u00e4hlt nicht zuletzt deshalb die Geschichte von Jocko auf interessante Art und Weise.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Filmkritik von Delia West zu Bettina Timms Dokumentarfilm \u00a0\u201eJocko 23\u201c \u2013 entstanden in der 3sat-Reihe \u201cAb 18!\u201c Der Titel ist unspektakul\u00e4r. 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