{"id":629,"date":"2015-06-16T13:16:54","date_gmt":"2015-06-16T11:16:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=629"},"modified":"2018-05-23T13:26:17","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:17","slug":"spielen-und-gluecklich-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/spielen-und-gluecklich-sein\/","title":{"rendered":"\u201eSpielen und gl\u00fccklich sein\u201c"},"content":{"rendered":"<h2>Eine Kritik von Delia West zu Irene von Albertis Dokumentarfilm \u201eHassans Films&#8220; \u2013 entstanden in der 3sat-Reihe &#8222;Ab 18!&#8220;<\/h2>\n<p>Hassan ist 25 Jahre alt.\u00a0 Mit circa drei Jahren ist er aus dem Libanon nach Berlin-Neuk\u00f6lln gekommen. Einen Schulabschluss hat er nicht. Stattdessen wurde er f\u00fcr die Schauspielerei entdeckt und spielt neben dem Theater auch in einigen Spielfilmen mit. Mit seinen Rollen als Krimineller oder Drogendealer kann Hassan sich nicht identifizieren. Er will Menschen darstellen und keine Klischees bedienen. <!--more--><br \/>Kurzerhand entscheidet Hassan selbst ein Drehbuch zu schreiben. Thematisch handelt es nahezu eins zu eins von seinem bisherigen Leben. Irene von Alberti und ihr Filmteam begleiten Hassan nach Bruchsal, einem kleinen Ort in der N\u00e4he von Karlsruhe. Verschiedene Szenen aus seinem Drehbuch werden dort verfilmt, um sie sp\u00e4ter zusammen mit dem Treatment an Redaktionen zu verschicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Direkt zu Beginn erh\u00e4lt man den Eindruck, dass der Filmemacherin ein spielerischer Umgang mit Kamera und Schnitt wichtig ist. Bereits die ersten Sequenzen des Films zeigen nicht nur die Bilder des Kameramanns, sondern auch die von Hassan\u00a0 gefilmten Aufnahmen. Der Zuschauer kann sogar das Filmteam bei der Arbeit beobachten \u2013 was mir pers\u00f6nlich sehr gef\u00e4llt. Dies vermittelt einen lockeren und vertrauten Eindruck, der uns \u00fcber den Film begleitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Absurd und unkonventionell mutet\u00a0 eine Szene an, die sich relativ zu Beginn des Filmes abspielt: Hassan sitzt auf einer Schaukel,\u00a0 w\u00e4hrend er aus dem Off erz\u00e4hlt, dass er in seiner Stammkneipe ein Gedicht geschrieben hat?! Ein ungew\u00f6hnliches Setting!\u00a0 <br \/>In diesem Gedicht macht er seinem \u00c4rger \u00fcber die Filmbranche Luft. Zumindest \u00fcber den Einblick, den er bislang in das Gesch\u00e4ft bekommen hat. Er will sich nicht verstellen, sondern \u201elieber spielen und gl\u00fccklich sein\u201c. Von vornherein ist klar, dass der Protagonist einen klaren Standpunkt vertritt. Auf dem Weg seine Tr\u00e4ume zu verwirklichen, will er sich nicht verlieren und bleibt immer er selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Szenen in Bruchsal bestehen haupts\u00e4chlich aus Sprechproben und den Bildern f\u00fcr Hassans Filmidee. Das Zusammenspiel dieser Komponenten wirkt auf mich gar nicht mehr wie ein Dokumentarfilm, sondern eher wie ein Spielfilm im Spielfilm. Erst wenn die gedrehten Szenen zu Ende sind und von Hassan und seinem Freund Medhi analysiert und reflektiert werden, erinnere ich mich wieder, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Irene von Alberti erz\u00e4hlt aber nicht nur von der Verfilmung des Drehbuchs \u2013 vielmehr geht es ihr um Hassan, der sich in Deutschland wie ein \u201eFremder\u201c f\u00fchlt. In einer Szene hat Hassan keine Lust mehr \u00fcber dieses Thema zu sprechen und verl\u00e4sst das Bild. Die coole Fassade des Pal\u00e4stinensers scheint zu br\u00f6ckeln. Zum ersten Mal stellt sich das Gef\u00fchl ein, dass Hassan N\u00e4he zul\u00e4sst und wir die Chance auf einen Einblick in seine Gef\u00fchlswelt bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und wir d\u00fcrfen mehr \u00fcber ihn erfahren: Fr\u00fcher hatte er kein Interesse an B\u00fcchern, heute sieht das anders aus. Er ist fasziniert von den Welten, in die B\u00fccher entf\u00fchren k\u00f6nnen. &#8218;Die Verwandlung&#8216; von Kafka war das erste Buch, das Hassan je gelesen hat. Zugegebenerma\u00dfen bin ich \u2013 wie wahrscheinlich viele andere Zuschauer \u2013 von dieser Aussage \u00fcberrascht. Ich finde es beeindruckend, der Neugier nachzugeben und sich an diese durchaus anspruchsvolle Literatur heranzuwagen. M\u00f6glicherweise inspiriert es ihn und hilft dabei, die Ideen in seinem Kopf zu erweitern, sein Drehbuch zu schreiben oder einfach nur als aufgeweckter junger Mann durch die Welt zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr seinen Sprachgebrauch ist Kafka jedenfalls kein Nachteil. Das stellt er in seinem Drehbuch, aber auch in vielen Situationen im Film unter Beweis. So verwendet er das metaphorische Bild des Seiltanzes, um seine Wahrnehmung von Duldung zu beschreiben. Eine\u00a0 Metapher, die ich als sehr passend empfinde, weil sie die Komplexit\u00e4t und den schmalen Grad der Thematik auf den Punkt bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So sprachlich gewandt wie er ist, redet Hassan eigentlich sehr ruhig und reflektiert.\u00a0 Wenn er sich aber wie bei dem Dreh einer Szene seines Films von den Kameras bedr\u00e4ngt f\u00fchlt, l\u00e4sst er seinen Emotionen freien Lauf.\u00a0 Auch f\u00fcr den Zuschauer hat dieser Moment eine Art \u201eHallo-Wach\u201c Effekt. Der Leidtragende aus dem Team wirkt sichtlich eingesch\u00fcchtert und die Stimmung am Set ist auch f\u00fcr den Zuschauer merklich ungem\u00fctlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine der st\u00e4rksten Szenen des Films findet auf dem Vorplatz des Brandenburger Tors statt. Ein Demonstrant steht vor einem Pappschild mit der Aufschrift: \u201eDeutschland ist kein Schlaraffenland &#8211; Asylrecht versch\u00e4rfen\u201c. Hassan stellt sich provokativ mit verschr\u00e4nkten Armen vor den Mann und starrt ihn an, ohne ein Wort zu sagen. Sichtlich nerv\u00f6s versucht dieser die unangenehme Situation aufzul\u00f6sen. Die Szene ist f\u00fcr mich entscheidend im Film, da sie Hassans Meinung zum Thema Duldung und Asyl ohne Worte auf den Punkt bringt. Gleichzeitig zeigt sie auch seine selbstbewusste und einnehmende Art deutlich: \u201eHier bin ich!\u201c, und \u201eWas soll das?\u201c lese ich in seinen Augen. Er brennt f\u00f6rmlich f\u00fcr seinen Traum, sein Leben und will sich von nichts und niemandem aufhalten lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Schlussszene ist Hassan in der marokkanischen Stadt Tanger. Dort trifft er den Schriftsteller Muhammed Mrabet, der f\u00fcr ihn ein Vorbild darstellt. Die Gespr\u00e4chssituation findet am Strand statt und wirkt auf mich nicht so locker und unbefangen wie der bisherige Film. Das mag auch daran liegen, dass der Inhalt des Gespr\u00e4chs von ernsten und tiefgr\u00fcndigen Themen gepr\u00e4gt ist. Muhammed erz\u00e4hlt, dass er seine Kindheit \u00e4hnlich wie Hassan verbracht hat und auch keinen Schulabschluss besitzt. Er, der weder richtig lesen noch schreiben kann, hat unheimlich viel zu erz\u00e4hlen. Im Alter von 20 Jahren war Muhammed immer angespannt und in viele Schl\u00e4gereien verwickelt. Als er heiratete \u00e4nderte sich das schlagartig und Muhammed wurde \u201esuper\u201c wie er selbst erz\u00e4hlt. Er gibt Hassan den Rat, ein \u201eh\u00fcbsches deutsches M\u00e4dchen\u201c zu heiraten. Und es klingt fast so, als wolle er ein Versprechen aus ihm herauskitzeln. Hassan reagiert aber so gut wie gar nicht auf dieses Thema. Seine einzige Reaktion: Er geht Schwimmen. Im Film vergleicht Hassan die Ehe mit einer Haft und so ist seine Reaktion keine gro\u00dfe \u00dcberraschung f\u00fcr mich. In meinen Augen ist Hassan sich seines Platzes im Leben noch nicht bewusst und noch nicht bereit, sein Leben mit einer Partnerin zu teilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heutzutage wird man schnell in Schubladen gesteckt oder muss bestimmte Rollen einnehmen \u2013 und Hassan? Er beschreibt sich selbst einfach nur als \u201eCola-Trinker\u201c.\u00a0 Das macht ihn interessant und zu einem wichtigen Teil unserer Gesellschaft, weil er sich anders mit dem Thema Identit\u00e4t befasst. \u201eIch bin so, wie ich bin\u201c ist sein Motto.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch kann man das in einem Dokumentarfilm wirklich sein? Ist Hassan der taffe und selbstbewusste Mann, der er behauptet zu sein? Viele Szenen des Films deuten darauf hin, dass zumindest die Filmemacherin ein anderes Bild von ihm hat: \u00dcber die Themen Asyl und Duldung will er nicht sprechen, zu viel N\u00e4he des Filmteams bringt ihn auf die Palme und eine Partnerin an seiner Seite kann er sich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer vorstellen. <br \/>Das bereits erw\u00e4hnte spielerische Vorgehen der Filmemacherin erweckt nicht nur Vertrauen beim Zuschauer, sondern tr\u00e4gt auch dazu bei, dass Hassan sich mehr und mehr \u00f6ffnet. Aus dem einfachen \u201eCola-Trinker\u201c wird ein Mensch, der sich sehr wohl darum sorgt, was um ihn herum, aber auch mit ihm selbst geschieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Film von Irene von Alberti zeigt uns diese Seite und l\u00e4sst mit der Einsendung des Drehbuches an das ZDF als letztes Bild eine Perspektive f\u00fcr Hassan offen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Film ist derzeit in der <a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&amp;obj=45824\" target=\"_blank\">3sat-Mediathek<\/a> zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kritik von Delia West zu Irene von Albertis Dokumentarfilm \u201eHassans Films&#8220; \u2013 entstanden in der 3sat-Reihe &#8222;Ab 18!&#8220; Hassan ist 25 Jahre alt.\u00a0 Mit circa drei Jahren ist er aus dem Libanon nach Berlin-Neuk\u00f6lln gekommen. Einen Schulabschluss hat er nicht. 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