{"id":772,"date":"2015-10-08T12:53:31","date_gmt":"2015-10-08T10:53:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=772"},"modified":"2018-05-23T13:26:17","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:17","slug":"zwischen-grausig-und-schoen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/zwischen-grausig-und-schoen\/","title":{"rendered":"Zwischen grausig und sch\u00f6n"},"content":{"rendered":"<header class=\"entry-header\">\n<h2>Eine Filmkritik von Bengisu Y\u00fcksel zu Kristina Konrads Dokumentarfilm \u201eDiego\u201c \u2013 entstanden in der 3sat-Reihe \u201cAb 18!\u201d<\/h2>\n<\/header>\n<p>Im gleichnamigen Dokumentarfilm begleiten Filmemacherin Kristina Konrad und ihr Team den kurz vor seinen Abschlusspr\u00fcfungen an der renommierten Oxford-Universit\u00e4t stehenden Diego. Neben seinem enormen studiumsbedingten Arbeitspensum sieht man, wie Diego nebenbei noch eine App entwickelt, sich mit Freunden trifft, Sport und Musik macht. Schaupl\u00e4tze sind meist sein Studentenzimmer und Elternhaus, oder die jeweils passende Umgebung: eine englische Innenstadt, die Universit\u00e4t, das Fitnessstudio und Nachtclubs sowie das elterliche Esszimmer und winterliche Landschaften.\u00a0<br \/><!--more--><br \/>Der Film nimmt den Zuschauer langsam und vorsichtig in Diegos Leben mit. Eine ruhige Kameraf\u00fchrung und lange unkommentierte Sequenzen, in denen der Blick einfach nur dem Weg des Protagonisten folgt, tragen zu diesem Eindruck bei. F\u00fcr das Publikum entsteht dadurch viel Raum zur eigenen Interpretation.\u00a0<br \/> Auff\u00e4llig ist die Bipolarit\u00e4t im Leben des Protagonisten: Alltag auf dem Campus vs. Wohnen im Elternhaus, Familie vs. Freunde, m\u00f6gliche Zukunft in der freien Wirtschaft vs. Karriere in der Forschung. Programmatisch zeigen manche Momente, wie zwiegespalten Diego ist: Beispielsweise wenn er sich mit seinem Vater \u00fcber sein Interesse an B\u00f6rsen-entwicklungen und seine Zukunftspl\u00e4ne ber\u00e4t; oder von seinem Traum spricht, mit einer guten Idee f\u00fcr eine App das schnelle Geld zu machen, sich danach ein Eis kauft und seinem Vater das Wechselgeld zur\u00fcckgibt. \u00a0<\/p>\n<p>Man ist als Zuschauer meist verbl\u00fcfft \u00fcber diesen jungen Mann, dessen Interessen so vielf\u00e4ltig und teilweise nicht ganz zusammenpassend scheinen. Hat man sich gerade an ein weiteres Mosaiksteinchen gew\u00f6hnt, packt Diego pl\u00f6tzlich eine E-Gitarre aus und spielt mit dem Vater am Klavier eine Version des Ave Marias, die man nicht wirklich ins Spektrum zwischen grausig und sch\u00f6n einordnen kann. Aber vielleicht macht das gerade ihren Charme aus.\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr den Betrachter des Films ist die Anwesenheit der Kamera offensichtlich: Wenn der Protagonist einen Freund am Telefon mit der Begr\u00fcndung abwimmelt, dass er gerade nicht reden k\u00f6nne, weil die Kamera dabei sei oder wenn er nach einem Aufenthalt bei seiner Familie im Zug sitzt und f\u00fcr ein paar (ein wenig zu gewollt tiefsinnig wirkende) Momente nachdenklich in die Kamera guckt. In der Regel tun solche Momente der Qualit\u00e4t des Films keinen Abbruch, sondern verst\u00e4rken seine Authentizit\u00e4t. Allerdings wirkt das Bestreben einer (umfassenden) Portraitierung des Protagonisten an manchen Stellen leider h\u00f6lzern.\u00a0Nach fast 40 Minuten wird noch versucht, dem bisher gr\u00f6\u00dftenteils als Coverboy (durch sich selbst oder die Filmemacherin?) inszenierten Diego eine softe Seite zu geben, was die Stimmung langsam aber sicher ins \u00dcberdr\u00fcssige kippen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Insgesamt \u00fcberzeugt die Produktion durch ihren ruhigen und leisen Ton, ihre liebevollen Details (beispielsweise der runtergedrehte Ton in der Szene, die die Hauptperson beim Feiern zeigt) sowie mit ihren schlicht sch\u00f6n zu nennenden Bilder. Von Zeit zu Zeit vermisst man einen wenigstens blassroten Faden \u2013 allerdings kommt der Film auch leidlich ohne aus.\u00a0<br \/> Es bleibt noch die Frage nach dem Mehrwert dieses Dokumentarfilms, seiner Aussage. Bei der n\u00fcchternen Herangehensweise der Filmemacherin, ist diese zu finden, schwer. Wird auf den Leistungsdruck, Lebensumst\u00e4nde und Hintergr\u00fcnde einer Generation verwiesen, die schon bald die Elite der Gesellschaft bilden wird? Oder ist Diego nur einer von vielen, gar zu vergleichen mit denen, die nicht auf Eliteunis gehen, dreisprachig aufgewachsen sind und eine aussichtsreiche Zukunft haben?\u00a0 <\/p>\n<p> Ein paar Fragen bleiben offen, die &#8222;Diego&#8220; nicht beantworten kann oder will.<\/p>\n<header class=\"entry-header\">\n<p class=\"entry-details\">\u00a0<\/p>\n<\/header>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Filmkritik von Bengisu Y\u00fcksel zu Kristina Konrads Dokumentarfilm \u201eDiego\u201c \u2013 entstanden in der 3sat-Reihe \u201cAb 18!\u201d Im gleichnamigen Dokumentarfilm begleiten Filmemacherin Kristina Konrad und ihr Team den kurz vor seinen Abschlusspr\u00fcfungen an der renommierten Oxford-Universit\u00e4t stehenden Diego. 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