{"id":786,"date":"2015-10-09T11:08:16","date_gmt":"2015-10-09T09:08:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=786"},"modified":"2018-05-23T13:26:17","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:17","slug":"eine-monotone-und-oede-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/eine-monotone-und-oede-welt\/","title":{"rendered":"&#8222;Eine monotone und \u00f6de Welt&#8220;"},"content":{"rendered":"<div>\n<h2>Vor einem Jahr waren Insa Onken und Gerardo Milsztein mit Ihrem Expos\u00e9 &#8222;Ich, Kevin&#8220; in der doku.klasse zu Gast. Mit dem neuen Titel &#8222;Auf dem Weg&#8220; wird der Dokumentarfilm am kommenden Wochenende erstmalig ausgestrahlt. Eine lange Strecke liegt dazwischen \u2013 nicht nur f\u00fcr den Protagonisten. Im Interview mit der doku.klasse blickt Gerardo Milsztein zur\u00fcck auf die Dreharbeiten von &#8222;Auf dem Weg&#8220;.<strong><br \/><\/strong><\/h2>\n<p><strong><br \/>Da wir das Expos\u00e9 kennen, in dem ihr die Idee f\u00fcr den Film beschreibt, interessiert uns nat\u00fcrlich, warum sich einige Aspekte im realisierten Film nicht wiederfinden. Im Treatment spielte beispielsweise das Theater, in dem sich Kevin engagiert, eine gro\u00dfe Rolle. Im Film hingegen nimmt es wenig Raum ein. Wie kam es zu dieser Entwicklung?<br \/><\/strong>Am Anfang unserer Gespr\u00e4che mit 3sat sind wir davon ausgegangen, dass wir nicht nur 28\u201930 sondern 44 Minuten Film zur Verf\u00fcgung haben w\u00fcrden. Und wir waren uns sicher, dass Kevin seine Ausbildung als Koch machen w\u00fcrde. Das h\u00e4tte uns eine andere dramaturgische Zeiteinteilung erlaubt. Aber in der Programmgestaltung eines Senders passieren Ver\u00e4nderungen, die manchmal nicht zwingend mit Filmdramaturgie oder inhaltlichen Entscheidungen zu tun haben. Im Zuge der Produktionsgespr\u00e4che wurde uns klar, dass wir weniger Filmzeit als gedacht zur Verf\u00fcgung haben w\u00fcrden \u2013 und wollten trotzdem Kevins Leben und Biografie gerecht werden, so wie sie sich vor unsere Augen neu entfaltete.<\/p>\n<p><strong>Auch Kevins Weg nach dem Abi wird im Film nicht thematisiert. Im Treatment wurde seine angefangene Ausbildung zum Koch angesprochen. Warum habt ihr euch dagegen entschieden, diese Zeit zu erz\u00e4hlen?<br \/><\/strong>Nachdem wir das Expos\u00e9 geschrieben hatten und noch vor der Zusage von 3sat, hatte sich Kevins Leben und beruflicher Werdegang enorm ver\u00e4ndert. Kevin musste die neu ange-fangene Ausbildung als Koch in der Systemgastronomie &#8211; die er w\u00e4hrend der Theater-ma\u00dfnahme JOBACT vom Jobcenter D\u00fcsseldorf f\u00fcr sich organisierte &#8211; aus gesund-heitlichen Gr\u00fcnden f\u00fcr immer abbrechen. Wegen einer starken allergischen Reaktion seiner H\u00e4nde auf Wasser und Chemikalien, wurde seine Haut wund und heilte nicht. Aus zeitlichen Gr\u00fcnden konnten wir das im Film nicht thematisieren. Uns schien es wichtiger und angemessener, diese neue Situation in Kevins Leben zu erz\u00e4hlen, als seine Vergangenheit beim Theaterprojekt JOBACT. Die Dreharbeiten endeten am 4. August damit, dass Kevin anfing, f\u00fcr sein externes Abi zu lernen. Wir k\u00f6nnen nicht noch weitere ein bis zwei Jahre warten, bis er sein Abi macht und dann schauen, was aus ihm wurde&#8230;<\/p>\n<p><strong>Die Mutter hat im Film einen gro\u00dfen Gespr\u00e4chsanteil. Sie wirkt zeitweise wie eine zweite Hauptprotagonistin. In den gesetzten Interviews mit der Mutter versucht sie eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr zu liefern, warum es Kevin schlecht geht und dr\u00e4ngt ihn damit in eine Opferrolle. Das hat mich gewundert, denn Kevin wirkt auf mich nicht so, als dass er sich von der Situation gebeutelt sieht. Ich finde, er ist ein sehr starker Charakter. Warum habt ihr euch dazu entschieden, so viel Material von der Mutter mit in den Film zu nehmen und ihre Aussagen seinen entgegenzusetzen?<br \/><\/strong>Diese Mutter ist Kevins Mutter \u2013 aber keine zweite Protagonistin. Obwohl w\u00e4hrend unserer Recherche Kevin sehr offen von seiner fr\u00fchen Kindheit erz\u00e4hlte, hatte er vor der Kamera doch Hemmungen, sich damit auseinanderzusetzen und sich vor Zuschauern dazu zu \u00e4u\u00dfern. Er erlebte das Scheitern seiner beruflichen Pl\u00e4ne und war wenig bereit, emotional und selbstkritisch in seine Kindheit und fr\u00fche Jugend zu blicken. Trotzdem hat er uns sogar empfohlen, seine Mutter vor der Kamera zu befragen, sollten wir mehr dar\u00fcber wissen wollen. Obwohl Kevin ein starker Charakter ist, sind wir davon \u00fcberzeugt, dass er seine Traumata aus dieser Zeit noch nicht \u00fcberwunden hat \u2013 deswegen stehen sie ihm im Wege. Wenn wir nichts \u00fcber seine Vergangenheit, und das was noch an ihm nagen k\u00f6nnte, erfahren, k\u00f6nnen wir die tieferen Motive seines Schulversagens nicht verstehen, gerade weil er sehr intelligent ist.<\/p>\n<p>Kevin war immer mit uns ehrlich, und wir sind auch ehrlich mit ihm gewesen. Er hat den Film schon gesehen und war mit allem einverstanden. Und auch dankbar, weil er an unseren Fragestellung und unserem Bed\u00fcrfnis, ihn zu verstehen, gewachsen ist.<\/p>\n<p><strong>In der doku.klasse habt ihr viel \u00fcber die Kameraarbeit erz\u00e4hlt. Die \u201eSpiegel-technik\u201c, um Interviews zu filmen, war ein gro\u00dfes Thema. Hat sich diese f\u00fcr euch bew\u00e4hrt und sich das Versprechen, auf diese Weise direkter mit dem Protagonisten ins Gespr\u00e4ch zu kommen, eingel\u00f6st?<br \/><\/strong>Wir haben uns entschieden, einen chronologischen Film zu erz\u00e4hlen. Mit der Spiegel-technik haben wir ein Interview gef\u00fchrt<strong> \u2013<\/strong> ganz am Anfang der Dreharbeiten. Dabei haben wir gemerkt, dass Kevin in diesem Setting, das produktionstechnisch aufwendig ist und bestimmte r\u00e4umliche Bedingungen braucht, sich viel bedachter verh\u00e4lt, als wenn wir spontane Gespr\u00e4che mit ihm f\u00fchren. Es gab auch Orte, an denen es unm\u00f6glich war, die Spiegeltechnik einzusetzen. Und wir wollten ihn nicht zu oft mit den Interviews aus seiner Welt herausholen. Hinzu kamen die L\u00e4nge seiner Haare und die filmische Kontinuit\u00e4t, vor allem in Hinblick auf seine Aussagen, die im Laufe des Films im Off gestreut sind, aber nicht immer chronologisch eingefangen wurden. Wir wollten zum Ausdruck bringen, wie sich seine \u00e4u\u00dferliche Erscheinung im Laufe der Zeit ver\u00e4nderte. Auch deswegen konnten wir Kevin nicht immer im On des Spiegeltechnik-Interviews zeigen.<\/p>\n<p><strong>Die Szenen im Amt und in der VHS zeigen die Monotonie, die diese Orte und Gespr\u00e4che in sich tragen. Warum war es euch wichtig, diesen Szenen so viel Raum zu geben?<br \/><\/strong>Es ist Kevins Welt. Eine monotone und \u00f6de Welt. Und es ist einfach die Welt, die in den letzten 10 Monaten Kevins Leben bestimmt hat. Seitdem Kevin klein ist, war seine Familie im deutschen Sozialsystem eingebunden. Er ist mit Schreiben von \u00c4mtern, K\u00fcrzungen und Beh\u00f6rdengespr\u00e4chen aufgewachsen. Wir haben ihn so nah, wie es uns m\u00f6glich war, begleitet und diesen Situationen den Raum gegeben, den wir f\u00fcr dramaturgisch notwendig hielten. Es ging uns darum, die Monotonie zu vermitteln, die auch Kevin w\u00e4hrend der Zeit erlebte, nachdem ihm die Allergie in die Quere kam und es ihm unm\u00f6glich wurde, seinen urspr\u00fcnglichen Plan umzusetzen. Kevin war in erster Linie damit konfrontiert, einen Weg, seinen Weg zu finden: durch die Beh\u00f6rden und durch das Schul- und Jobcentersystem.<\/p>\n<p><strong>Ich habe den Film als Kritik am (Ausbildungs-) system verstanden? War das eure Sto\u00dfrichtung bzw. sehr ihr das auch als Kernaussage?<\/strong><br \/>F\u00fcr uns ist es klar, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die gar kein Problem haben sich an das Schul- und Bildungssystem anzupassen. Andere wie Kevin, passen da gar nicht hinein. Kevin erw\u00e4hnte, er h\u00e4tte eine kleinere Klasse gebraucht, mit Lehrern, die sich individueller auf die Bed\u00fcrfnisse der Sch\u00fcler konzentrieren k\u00f6nnen und die es den Sch\u00fclern erm\u00f6glicht, im eigenen Tempo zu lernen. Er dachte, das sei eine utopische Wunschvorstellung. Er wusste nicht, dass es in Deutschland so etwas gibt. Ein indivi-duelles F\u00f6rderungssystem ist aus finanziellen, kulturellen, informativen oder familien-bezogenen Gr\u00fcnden nicht allen Schichten der Gesellschaft zug\u00e4nglich.<br \/>Wir formulieren keine Kritik am Bildungssystem im Allgemeinen. Sondern wir wollen in einer konkreten Situation die Frage stellen, wie man Kinder und Jugendliche unterst\u00fctzen kann, die nicht mit dem Strom schwimmen k\u00f6nnen oder wollen und trotzdem viele Talente haben. Wo ist in der Bildung der Raum f\u00fcr das Nicht-Genormte? Wie kann man diese Sch\u00fcler emotional erreichen, bevor sie als Lernende verloren gehen? Wie kann man diese Menschen f\u00fchren, bevor sie ihren Weg verlieren. Kevin ist ein Beispiel von vielen. Wir hoffen, dass seine Geschichte andere erreicht, damit f\u00fcr sie der Weg durch das Bildungssystem einfacher l\u00e4uft.<\/p>\n<\/div>\n<p>&#8222;Auf dem Weg&#8220; ist derzeit in der<a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&amp;obj=53821\" target=\"_blank\"> 3sat-Mediathek<\/a> zu sehen. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einem Jahr waren Insa Onken und Gerardo Milsztein mit Ihrem Expos\u00e9 &#8222;Ich, Kevin&#8220; in der doku.klasse zu Gast. Mit dem neuen Titel &#8222;Auf dem Weg&#8220; wird der Dokumentarfilm am kommenden Wochenende erstmalig ausgestrahlt. Eine lange Strecke liegt dazwischen \u2013 nicht nur f\u00fcr den Protagonisten. Im Interview mit der doku.klasse blickt Gerardo Milsztein zur\u00fcck auf die Dreharbeiten von &#8222;Auf dem Weg&#8220;. 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