{"id":813,"date":"2015-11-02T14:43:19","date_gmt":"2015-11-02T12:43:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.do-xs.de\/doku-klasse\/?p=813"},"modified":"2018-05-23T13:26:16","modified_gmt":"2018-05-23T11:26:16","slug":"keine-klischees-erzaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.do-xs.de\/documasterclass\/keine-klischees-erzaehlen\/","title":{"rendered":"Keine Klischees erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<h2>Leopold Gr\u00fcn im Gespr\u00e4ch mit Kristina Konrad<\/h2>\n<p><strong>Leopold:<\/strong> Zun\u00e4chst etwas zum Unterschied zwischen Idee und Film. Beim Dokumentarischen ist es ein typisches Merkmal, dass man beim Expos\u00e9 nicht wei\u00df, was einem dann tats\u00e4chlich begegnet. Ich finde interessant, dass in deinem Konzept relativ viele ethische, moralische und politische Fragen enthalten sind, die dann im Film selber nicht unmittelbar formuliert werden. Was direkte Interviews betrifft, hast du nur dieses eine l\u00e4ngere Gespr\u00e4ch zur &#8222;Liebe&#8220; im Film. Warum ist die Entscheidung so gefallen, dich mit direkten Interviews &#8211; auch zu den Fragen, die dich grunds\u00e4tzlich interessieren &#8211; eher zur\u00fcckzuhalten und vielmehr zu beobachten?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Ich habe Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, in denen es um Themen wie Ethik und Verantwortung ging. Ich habe auch angesprochen, wie er dazu steht, dass es dem gr\u00f6\u00dften Teil der Menschheit sehr schlecht geht und ihm doch eigentlich sehr gut. Die Entscheidung, das wegzulassen, haben wir ziemlich schnell getroffen, weil die Gespr\u00e4che zum einen sehr lang waren und zum anderen bin ich da nicht richtig rangekommen. Es war nicht interessant. Es war eher ein bisschen Politikergeplauder.<!--more--><br \/><strong>Leopold:<\/strong> Zu oberfl\u00e4chliche Aussagen? Du konntest sozusagen nicht an einen Kern gelangen.<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Man h\u00e4tte das vielleicht schon geschafft. Dazu h\u00e4tte ich, wie ich es ja oft mache im Dokfilm, mehrmals immer wieder hingehen m\u00fcssen und dann nachhaken. Doch wir hatten eine relativ kurze Drehzeit.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Wenn du sagst, dass es oberfl\u00e4chlich war, sagt das ja auch etwas \u00fcber den Protagonisten aus. Das h\u00e4ttet ihr ja trotzdem nehmen k\u00f6nnen, um zu zeigen, es gibt da auch etwas Entlarvendes. Wolltet ihr das nicht, weil ihr das Gef\u00fchl hattet, das wird der Figur nicht gerecht oder was war der Grund?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Es w\u00e4re billig entlarvend gewesen, das wollten wir nicht und es h\u00e4tte nicht zum Film gepasst. Wir haben uns dann f\u00fcr einen anderen Rhythmus und das K\u00f6rperliche entschieden. Im Gespr\u00e4ch \u00fcber Liebe hat er mir gesagt: &#8222;Ja, Kristina, ich wusste, das kommt.&#8220; Als er dann hier den Film geguckt hat, hat er gelacht und gesagt: &#8222;Ich wusste, dass du das rein nimmst mit der Liebe. Dass es f\u00fcr dich so wichtig war&#8220;. Viele arbeiten mit extrem viel Off, doch wir sind keine Fans von diesem Gestaltungsmittel. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte man die langen Gespr\u00e4che im Off irgendwie zusammenschneiden k\u00f6nnen, gewisse Infos geben k\u00f6nnen, aber am Ende haben wir uns dagegen entschieden.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Ihr w\u00e4hlt den beobachtenden Weg. Ich komme dem Protagonisten k\u00f6rperlich n\u00e4her. \u00dcber die Rhythmik dieser Person, wie er seinen Tag gestaltet und wie er an seinem K\u00f6rper arbeitet, auch geistig. Warum fandest du darin den Schl\u00fcssel zur Figur? Das ist ja eine ganz bewusste Entscheidung. Du gehst diesen Weg, ziemlich konsequent, finde ich.<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Einerseits wegen der Drehbedingungen. Wir durften in Oxford von 9-17 Uhr filmen, also w\u00e4re ein Gespr\u00e4ch abends in seinem Zimmer in Ruhe nicht m\u00f6glich gewesen. Und es ist uns auch aufgefallen, dass er sehr flott l\u00e4uft. Ich gehe auch schnell und den meisten Leuten gehe ich viel zu schnell. Aber bei Diego musste ich mich da auch anstrengen. (lacht) Er hat in Oxford sehr viel zu tun, dann sein jugendliches Chaos&#8230; Dann fanden wir es am Interessantesten. Er wollte ausgehen, aber gewissen Dingen hat er auch nicht zugestimmt, zum Beispiel als er eine Frau getroffen hat. Ren\u00e9 (Ren\u00e9 Fr\u00f6lke, Cutter und selbst ja auch Filmemacher) war sehr ma\u00dfgebend f\u00fcr die Entscheidung, es ganz konsequent so reduziert zu machen. Die Erz\u00e4hlweise war schon im Material angelegt, z. B in langen Einstellungen.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Im Expos\u00e9 wird eine viel engere Bindung an deine eigene Geschichte deutlich. Dort erz\u00e4hlst du, dass du den Vater aus der Jugend kennst, wie Diego dir begegnet ist und du dich pl\u00f6tzlich f\u00fcr jemanden interessierst, f\u00fcr den du dich m\u00f6glicherweise noch nie interessiert hast. Jemand aus einer Welt, die dir fremd vorkommt, oder die du vielleicht auch politisch stark kritisierst\u2013 was f\u00fcr dich aber auch den Reiz ausmacht. Diesen pers\u00f6nlichen Bezug zu Dir bekommen wir im Film gar nicht vermittelt. War das von Anfang an klar, dass du das nicht reinnimmst?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Ja, denn das w\u00e4re ein anderer Film gewesen. Das w\u00e4re dann ein langer Film gewesen.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Das sind 90 oder 60 Minuten.<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Dann w\u00e4re es auch um Markus, den Vater, gegangen. Aber da war die Entscheidung, das geht zeitlich nicht. Und ich glaube schon, dass man mich sp\u00fcrt. Ich stelle Fragen. Ich finde, man darf die Pr\u00e4senz der Filmemacher merken. Und wir sagen zueinander &#8222;Du&#8220;.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Das bringt mich zur Frage nach der Pr\u00e4senz der Mutter im Film. Sie tritt relativ unvermittelt im Haus in London auf und man fragt sich, ist das jetzt die Mutter oder die Haush\u00e4lterin? Warum interessiert ihr euch nicht f\u00fcr die Mutter?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Ich wollte die Mutter schon drin haben. Immer am Semesterende holt die Mutter ihn eigentlich mit dem Auto ab. Sie m\u00fcssen dann das ganze Zimmer ausr\u00e4umen, weil es w\u00e4hrend den Semesterferien vermietet wird. Die beiden laden alles ins Auto und fahren dann zusammen nach London. Das wollte ich filmen. Es hat aber nicht stattgefunden, weil Diego mit den Kollegen eine Busreise nach Amsterdam hatte. Ich bin ja eine Frau und eigentlich sonst immer eher auf Frauen konzentriert. Aber die beiden, Vater und Sohn, machen auch viel mehr zusammen, vor allem beruflich haben sie miteinander zu tun.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Ich fand es eine deutlich werdende Leerstelle. Habt ihr nicht mit der Mutter gedreht<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Doch, das eine ist das Essen, aber da war sie die Schweigsamste. Und dann das Familienfoto. Die zwei kleinen T\u00f6chter gehen auf eine Schule, wo sie Geige spielen m\u00fcssen und die Mutter \u00fcbt mit ihnen. Das habe ich gedreht und das waren eigentlich sehr sch\u00f6ne Szenen. Aber das passte nicht mehr in den Film. Wir haben auch mit Diego noch eine Szene: Sie haben im Haus einen Fitnessraum. Die Mama trainiert sehr viel und wir haben mit den Beiden da oben gedreht. Beim Schnitt haben wir uns aber f\u00fcr die Trainingsszene in Oxford entschieden.<\/p>\n<p><strong>Ausschnitt &#8222;Violine&#8220;<\/strong><br \/><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/player.vimeo.com\/video\/144202542?title=0&amp;amp;byline=0\" width=\"500\" height=\"281\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/vimeo.com\/144202542\">Ausschnitt &#8222;Violine&#8220;<\/a> from <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/user20881347\">doxs!<\/a> on <a href=\"https:\/\/vimeo.com\">Vimeo<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Leopold:<\/strong> Du hast gerade eine weitere Szene erw\u00e4hnt, die nicht im Film ist. Diese \u201eFamilienaufsteller\u201c sind sehr interessant. Diego zeigt dabei sein Verh\u00e4ltnis zur Familie. Das ist eine Szene, wo ich konkret sagen w\u00fcrde: Die habe ich vermisst. Da habe ich nochmal etwas anderes von ihm gesehen, wie er versucht, sich vor den Vater oder die Mutter zu schieben. Diese ganze Art der Pr\u00e4sentation, der Kontrolle, die er immer haben will, die fand ich eigentlich nicht entlarvend, sondern kindlich, offenkundig.<\/p>\n<p><strong>Ausschnitt &#8222;Family&#8220;<\/strong><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/player.vimeo.com\/video\/144201797?title=0&amp;amp;byline=0\" width=\"500\" height=\"281\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/vimeo.com\/144201797\">Ausschnitt &#8222;Family&#8220;<\/a> from <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/user20881347\">doxs!<\/a> on <a href=\"https:\/\/vimeo.com\">Vimeo<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Kristina:<\/strong> Ja, das hat auch etwas Sympathisches. Wir haben jetzt Musik dr\u00fcber gelegt. Die Familie hat dabei permanent kommentiert. Es ist auch ein bisschen Show, oder? Das war eine der ersten Szenen, die Ren\u00e9 geschnitten hat. Und die hat uns eigentlich sehr gut gefallen. Wir fanden sie auch lustig, sie hat uns Spa\u00df gemacht, aber letztendlich passt sie nicht zum Rest des Filmes.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Diese Diskussion dar\u00fcber, was an wertvollen Momenten im Material enthalten ist, ist eine ganz schwierige. Man muss ja auch einen bestimmten Stil verfolgen, der zu einer Aussage f\u00fchrt. Vielleicht kannst du diesen Diskussionspunkt in der Montage beschreiben? Kannst du dich erinnern, an welchen Stellen ihr auch mal aneinander geraten seid? Gibt es Momente, wo man kurz denkt: &#8222;Ich will einen ganz anderen Film machen.&#8220;? Beim Dokumentarfilm ist dieser Prozess sehr beweglich, in jegliche Richtungen, oder?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Wir haben es so, wie es jetzt letztendlich ist, nur vier Leuten gezeigt und drei davon hat es ein bisschen ratlos gelassen. Dann habe ich auch an Katya Mader gedacht, die Redakteurin. Ich sch\u00e4tze Katya sehr, weil sie dich machen l\u00e4sst. Aber trotzdem habe ich gedacht, sie erwartet von mir sicher etwas Anderes. Deswegen habe ich manchmal am Abend geguckt, ob wir nicht doch noch anderes Material (aus den Interviews vor allem) reinnehmen k\u00f6nnen. Ich habe es versucht und meistens Ren\u00e9 gar nicht gezeigt, weil ich schon selbst drauf gekommen bin: Es geht nicht, es bringt nichts.<br \/>Wir mochten zum Beispiel auch noch die Szene mit dem Freund Jo, auch weil das praktisch der Einzige ist, der ihm mal sagt: &#8222;Warte mal&#8220;! Und Diego akzeptiert es. Bei den andern ist er eher dominant.<\/p>\n<p><strong>Ausschnitt &#8222;Jo&#8220;<br \/><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/player.vimeo.com\/video\/144346378?title=0&amp;amp;byline=0\" width=\"425\" height=\"350\"><\/iframe><br \/><\/strong><a href=\"https:\/\/vimeo.com\/144346378\">Ausschnitt &#8222;Jo&#8220;<\/a> from <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/user20881347\">doxs!<\/a> on <a href=\"https:\/\/vimeo.com\">Vimeo<\/a>.<strong><br \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Leopold:<\/strong> Das ist der einzige Moment, wo er auf die Reaktion eines Anderen angewiesen ist. Er kann nicht gestalten, sondern er wartet. Jo sagt: &#8222;Ich gucke mir die Homepage so an, ob sie funktioniert und nicht so, wie du sie mir erkl\u00e4rst.&#8220;<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Genau.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Und dann gab es einen zweiten Moment, einen famili\u00e4ren Moment mit dem Schnitt auf das Foto. Du merktest, die kennen sich schon ganz lange.<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Ja, sie sind Freunde seit der Kindheit, und das hat etwas Ber\u00fchrendes.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Das ist auch eine starke Szene. Ich kann gut verstehen, warum sie nicht drin ist in dem Rahmen, und w\u00fcrde doch auch einen Ausdruck des Bedauerns \u00e4u\u00dfern. Das h\u00e4tte mir noch ein anderes Bild von ihm gezeigt.<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Die h\u00e4tten wir gern reingekommen, aber sie ist f\u00fcnf Minuten lang. Es gibt noch eine andere Szene mit Indigo, der so lustig aussieht und die Kekse vorbeibringt. Er lebt auf einem Boot am Kanal, studiert auch an der selben Universit\u00e4t und ist ein ganz toller Typ. Aber es war eine ganz klare Entscheidung, dass wir nicht einfach alles, was interessant ist, kurz zusammenschneiden. So etwas w\u00fcrde Ren\u00e9 niemals machen.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Aber man k\u00f6nnte ja sagen, ein Gang mit ihm durch die Stadt weniger und ihr h\u00e4ttet 1 1\/2 Minuten f\u00fcr eine andere Szene gehabt.<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Ja, aber eineinhalb Minuten h\u00e4tten nicht gereicht. Diese Szenen sind alle l\u00e4nger. Die Szenen mit dem Vater auf dem Zugerberg mussten auch raus, weil es eine andere Geschichte geworden w\u00e4re. Daf\u00fcr haben wir uns f\u00fcr den Spaziergang in London entschieden. Da redet er noch viel mehr \u00fcber seine Zukunft. Alle diese Szenen sind nicht gestellt, falls du dich das fragst. Ich habe auch nie gesagt, \u00fcber was sie reden sollen. Das haben sie selbstst\u00e4ndig entschieden.<\/p>\n<p><strong>Ausschnitt &#8222;Zugerberg&#8220;<br \/><\/strong><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/player.vimeo.com\/video\/144346281?title=0&amp;amp;byline=0\" width=\"425\" height=\"350\"><\/iframe><br \/><a href=\"https:\/\/vimeo.com\/144346281\">Ausschnitt &#8222;Zugerberg&#8220;<\/a> from <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/user20881347\">doxs!<\/a> on <a href=\"https:\/\/vimeo.com\">Vimeo<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Leopold:<\/strong> Ich finde es auch interessant, dass man am Anfang denkt, man will das eigentlich gar nicht \u2013 dieses Hinterherlaufen und dieser Stil h\u00e4ngen einem dann aber noch gut nach. Der Film hat mich dadurch noch mal mehr besch\u00e4ftigt, weil erst ganz zum Schluss dieses Interview mit der N\u00e4he kommt, mit der Liebe und dann diese intensive Szene im Wasser. Es hat auch etwas Trauriges, dieser leere Reichtum, in dem er angesiedelt ist. War das Absicht? Kannst du etwas dazu sagen, wie ihr zu diesem Punkt gekommen seid?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Mit dem Whirlpool?<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Wof\u00fcr steht diese Szene f\u00fcr dich?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Sie hatten den Whirlpool und da hat das ganze Team gesagt: &#8222;Also dann filmen wir euch im Whirlpool.&#8220; Das war ganz spontan, wir fanden das lustig. Dabei war es ja relativ kalt. Zuerst haben sie \u201eNein\u201c gesagt, aber haben es dann trotzdem gemacht. Markus, der Vater, meinte noch, \u201edann musst du dich aber auch reinsetzen, es sind ja f\u00fcnf Pl\u00e4tze\u201c (lacht). Dass es dabei zu diesem einen Moment, in dem Diego so halb in die Kamera blickt, ganz nachdenklich, kommt, das konnte ich nicht wissen. Wir wussten nicht, was im Whirlpool geschehen wird. Wir haben nur die Situation gesehen. Und der Kameramann hat gesagt: &#8222;Das m\u00f6chte ich machen, das gibt ein gutes Bild.&#8220;<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Es gibt auch noch ein paar K\u00f6rperszenen, die gepasst h\u00e4tten, z.B. wie er sich rasiert. Am Anfang f\u00fchlt er sich unbeobachtet.<\/p>\n<p><strong>Ausschnitt &#8222;Rasieren&#8220;<br \/><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/player.vimeo.com\/video\/144344593?title=0&amp;amp;byline=0\" width=\"425\" height=\"350\"><\/iframe><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/vimeo.com\/144344593\">Ausschnitt &#8222;Rasieren&#8220;<\/a> from <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/user20881347\">doxs!<\/a> on <a href=\"https:\/\/vimeo.com\">Vimeo<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kristina:<\/strong> Die Szene mochte ich eigentlich sehr gerne. Auch, wie er dann nachher die Gitarre nimmt und mit dem Tuch spielt.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Diese Rasierszene ist deshalb auch interessant, weil es den Schwenk runter gibt. Das Wasser l\u00e4uft die ganze Zeit und dann stehen im Becken die Teller drin. Das ist so ein Moment der Unordnung, der sonst nirgendwo stattfindet. In seinem Zimmer zwar schon ein bisschen, aber ansonsten ist das eine relativ cleane Welt, in der er lebt. Er rasiert sich da, wo er auch seine Teller abw\u00e4scht.<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Wir haben da jetzt nicht drauf gezogen, aber das Zimmer ist absolut unordentlich. Auch sein Zimmer Zuhause.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Irgendwann gibt es eine Szene mit diesem anderen Kumpel, der mit den Keksen kommt. Da f\u00e4ngt er an, vor der Kamera zu posen, den Macker zu spielen, er hat alles unter Kontrolle, er ist der Checker. Wie hast du entschieden, ob du das drin l\u00e4sst? Manchmal wei\u00df man doch im Schnittraum gar nicht, macht der jetzt eine Show oder zeigt er sich, weil er das auch im richtigen Leben immer wieder versucht?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Das wei\u00df ich nicht, daf\u00fcr kenn ich ihn zu wenig. Wenn er mit mir spricht ohne Kamera &#8211; aber da ist Diego nicht der einzige, das kennen wir glaube ich alle &#8211; ist er nat\u00fcrlich schon ein bisschen anders, offener und unkontrollierter. Mit den Jungs vor der Kamera war es wohl auch zum Teil bewusste Show, wie beim Familienfoto.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Wie war die Zusammenarbeit mit der 3sat-Redaktion?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Ich habe noch nie so eine Abnahme erlebt. Ich hatte ja ein klein bisschen Angst. Aber ich habe mich vorbereitet, eben weil ich dachte, sie w\u00fcrde etwas Anderes erwarten. Ich habe vorher nichts gesagt und dann meinte Katya: &#8222;Das ist kein Rohschnitt, das ist ein fertiger Schnitt.&#8220;. Sie hat zwei, drei Fragen gestellt. Eben auch wegen den Gespr\u00e4chen, ob man vielleicht noch reinbranden sollte &#8222;Oxford\u201c, \u201cLondon&#8220;, &#8222;Schweiz&#8220; oder \u00e4hnliches. Da haben wir kurz \u00fcber die Sachen geredet. Ich habe ihr eben das, was wir jetzt auch erz\u00e4hlt haben, zu den Gespr\u00e4chen gesagt und dann war es kurz und schmerzlos.<br \/>Eigentlich hatte ich ja 30 Minuten von der Redaktion, und ich habe dann Katya angerufen und gesagt: &#8222;Du, wir haben sehr langsam geschnitten, wir machen 45 Minuten.&#8220; Da hat sie gesagt: &#8222;Ja, wenn es der Film tr\u00e4gt, ist das ok, aber wir k\u00f6nnen nur f\u00fcr 30 bezahlen, das ist durch.&#8220;<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Das muss man einfach noch mal dazu sagen, eigentlich ist das Format auf 30 Minuten angelegt. So viel Zeit hat man da nicht. Wie sind die Bedingungen?<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Es gab 12 Drehtage und dann hat die meiste Zeit das Sichten und Aussortieren gedauert. Danach war es eigentlich ziemlich schnell klar, und wir haben etwa drei Wochen daran gearbeitet. Ich habe dann gemerkt, in 30 Minuten kriege ich das nicht hin. Oder ich mache wirklich nur ein Streitgespr\u00e4ch oder irgend sowas. Aber das w\u00e4re eine andere Entscheidung gewesen, sonst ist das zu komplex. Dazu kommt &#8211; ich habe mich zwar schon ein bisschen rein gelesen &#8211; aber ich bin keine Finanzexpertin und Physikerexpertin sowieso nicht, und einfach die gleichen Kritiken und Klischees erz\u00e4hlen, die man immer zeigt, das wollte ich eben auch nicht. Da habe ich gedacht, ich gucke lieber mal einem jungen Mann zu.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Ja, ich glaube, das spielt auch eine Rolle, dass man schon sehr viel zu diesem Thema geh\u00f6rt hat, auch viel Kritisches. Dann ist man einfach interessiert, dahinter zu gucken. Aber es geht auch nicht immer darum, jemanden zu entlarven. Einerseits l\u00f6st der Film etwas aus, dass man sich sagt &#8222;Ich will n\u00e4her ran&#8220;, aber man merkt auch, dass es ganz gut ist, nicht in dieser Welt zu leben. (schmunzelt).<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Wir haben das mit Ren\u00e9 schon diskutiert, nachdem zwei, drei Freunde gesagt haben, man erwarte mehr, man m\u00f6chte mehr wissen, gerade wenn man die Gelegenheit hat, in diese Welt zu schauen. Dann m\u00f6chte man doch mehr erfahren. Wir sind aber immer zum Schluss gekommen, dass, vom Material her betrachtet und bezogen auf die Filml\u00e4nge, wir nicht h\u00e4tten mehr erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Es gibt einen Moment, wo das Zimmer zu sehen ist, mit diesem Schild. Ich erinnere mich nicht, was genau draufsteht, aber es ist etwas nach dem Motto &#8222;Kein Eintritt, ich k\u00f6nnte gerade am V\u00f6geln sein&#8220;. Das erz\u00e4hlt auch etwas von ihm. Wenn du das vorne gezeigt h\u00e4ttest und am Ende dann dieses Gespr\u00e4ch \u00fcber Liebe \u2013 das h\u00e4tte ich ganz interessant gefunden. Aber wahrscheinlich w\u00e4re es zu entlarvend gewesen. Es ist genug sichtbar, k\u00f6nnte man sagen.<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Finde ich, ja. Dazu kommt, was Ren\u00e9 gesagt hat und was ich ja auch teile: Diego ist wirklich noch ein junger Mann, der ist 23. Noch hat er nicht die Verantwortung f\u00fcr diese Welt und die Schei\u00dfe, die passiert, und es kann in jedem Leben, auch in einem solchen Leben, recht viel passieren. Es kann jemand wichtiges sterben. Es k\u00f6nnen tausend Dinge \u00fcber dich hereinbrechen. Ren\u00e9 und ich wollten das Fragmentarische, das Br\u00fcchige mit der Montage erz\u00e4hlen. Und nicht den Eindruck erwecken, dass wir wirklich ein vollst\u00e4ndiges Portrait machen. Das waren auch 20 oder noch mehr Stunden Material. Das w\u00e4re vielleicht alles in einen langen Film gegangen, aber auch da muss man den gr\u00f6\u00dften Teil des Materials rausschmei\u00dfen.<br \/><strong>Leopold:<\/strong> Es zeigt einmal mehr, mit welcher Konsequenz der Film erz\u00e4hlt ist. Vielen Dank, Kristina!<br \/><strong>Kristina:<\/strong> Danke euch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leopold Gr\u00fcn im Gespr\u00e4ch mit Kristina Konrad Leopold: Zun\u00e4chst etwas zum Unterschied zwischen Idee und Film. Beim Dokumentarischen ist es ein typisches Merkmal, dass man beim Expos\u00e9 nicht wei\u00df, was einem dann tats\u00e4chlich begegnet. Ich finde interessant, dass in deinem Konzept relativ viele ethische, moralische und politische Fragen enthalten sind, die dann im Film selber nicht unmittelbar formuliert werden. Was direkte Interviews betrifft, hast du nur dieses eine l\u00e4ngere Gespr\u00e4ch zur &#8222;Liebe&#8220; im Film. Warum ist die Entscheidung so gefallen, dich mit direkten Interviews &#8211; auch zu den Fragen, die dich grunds\u00e4tzlich interessieren &#8211; eher zur\u00fcckzuhalten und vielmehr zu beobachten?Kristina: Ich habe Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, in denen es um Themen wie Ethik und Verantwortung ging. Ich habe auch angesprochen, wie er dazu steht, dass es dem gr\u00f6\u00dften Teil der Menschheit sehr schlecht geht und ihm doch eigentlich sehr gut. Die Entscheidung, das wegzulassen, haben wir ziemlich schnell getroffen, weil die Gespr\u00e4che zum einen sehr lang waren und zum anderen bin ich da nicht richtig rangekommen. Es war nicht interessant. 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