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Bilder statt Rollen

Über jemanden oder mit jemandem sprechen? Von oben herab schauen oder auf Augenhöhe sein? Position beziehen und beziehen lassen. Regisseurin Pantea Lachin hat mit den TeilnehmerInnen der doku.klasse gemeinsam überlegt, wie ein respektvolles dokumentarisches Portrait über zwei achtzehnjährige Geflüchtete gelingen kann.

„Stehen die Protagonisten denn als Personen im Vordergrund oder geht es mehr um ihre
Situation?“ Als eine junge Teilnehmerin der doku.klasse Pantea Lachin diese Frage stellt, entsteht eine kleine Pause. Man merkt, dass die junge Frau ins Schwarze getroffen hat: Dass sie ein Problem, das nicht auf die Schnelle gelöst werden kann und noch schwerer in Bilder zu kleiden ist, auf den Punkt gebracht hat. Lachin überlegt kurz und sagt dann – nicht ausweichend, sondern selbstbewusst – „Beides!“

Immer wieder kreist die Gesprächsrunde, in der sich die Berliner Filmemacherin mit den jungen Erwachsenen austauscht, genau darum: Wie kann ein dokumentarisches Projekt den Menschen gerecht werden, die es zeigt? Wie einen Film realisieren, der Personen als von sozialen und politischen Umständen getrieben zeigt, ohne auf sie herabzusehen, sie gewissermaßen als leere Schachfiguren zu verstehen? Ein Balanceakt.

Pantea Lachin plant einen Film über Soheil und Yasser. Die beiden Achtzehnjährigen kamen vor zwei Jahren unter unterschiedlichen Umständen aus Afghanistan nach Berlin. Die Regisseurin erklärt, gerade im Umgang mit der sogenannten Flüchtlingskrise sei man oft mit Berichten konfrontiert, die die Betroffenen von oben herab behandelten, sie nicht als eigenständige Menschen, sondern als Rollenbilder behandle. Lachin setzt dem ein anderes Konzept entgegen: „Ich will Interesse statt Mitleid sichtbar machen, will Menschen statt Situationen zeigen.“

Schnell wird deutlich, dass viele der Jugendlichen unmittelbar an das Thema anknüpfen können. Über Begegnungen in der Schule – zum Beispiel mit „Internationalen Klassen“ – sowie die mediale Berichterstattung haben sie eigene Erfahrungen gemacht und sind mit den gängigen Bildern vertraut. Sie kennen sowohl geflüchtete Menschen als auch die politische Debatte rund um Migration. Gefragt, was sie an dem Schicksal von Soheil und Yasser interessieren würde, antworten die TeilnehmerInnen vielmehr mit einfühlend persönlichem als mit analytischem Interesse: „Ich frage mich, ob die beiden ihren Alltag im Jetzt führen können oder entweder in der traurigen Vergangenheit oder der ungewissen Zukunft leben,“ sagt ein Teilnehmer. Darauf ein anderer „Wie ist es denn mit der Romantik? Können die beiden überhaupt jemanden kennenlernen, wenn sie immer gleich Angst haben müssen, wieder abgeschoben zu werden?“

Lachin nimmt diese Fragen auf und macht deutlich, dass es ihr in ihrem Projekt besonders um die Gegenwart der beiden geflüchteten jungen Männer geht. Zwar könne und wolle sie deren Geschichte zu keinem Moment ausblenden, aber eben auch nicht ausschlachten. Das täten schon genug dokumentarische Formate: „Ich will nicht noch einen Flüchtlingsfilm machen, der als Problemfilm daherkommt.“ sagt sie entschieden. Ein Teilnehmer wendet ein, die Regisseurin müsse aber auch aufpassen, ihr Vorhaben nicht zu sehr in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen: „Ein zu netter, ich sage mal, mild-mütterlicher Ansatz darf es aber auch nicht werden. Wenn es ganz unkritisch wird, ist das auch wieder problematisch.“ Ein Balanceakt also.

Aycha Riffi, doku.klassen-Medienpädagogin der ersten Stunde, hakt bei einem zentralen Anspruch des Exposés nochmal nach: „Was macht für euch einen Film auf Augenhöhe aus? Stellt euch mal vor, es würde jemand einen Film über euch machen – was hieße Augenhöhe dann?“ Die Jugendlichen antworten, sie würden erwarten, respektvoll behandelt und nicht in Schubladen gesteckt zu werden. Sie würden vor allem keine Angst davor haben wollen, zu viel zu von sich zu offenbaren. Eine Frage des Vertrauens.

Zu Beginn der doku.klasse hatte Lachin berichtet, wie sie ihre beiden Protagonisten kennenlernte, und dass dies ein langsamer und behutsamer Prozess gewesen sei. Alle müssten immer neu abwägen, was sie erwarten. Im Gespräch um das Problem des Filmens auf Augenhöhe kommt das Thema der Abwägung und der verschiedenen Interessen von Filmemacherin und Gefilmten wieder auf. „Wie ein Vertrag“ sei das, sagt eine Teilnehmerin. Ein anderer fragt geradeheraus: „Was bekommen denn Soheil und Yasser im Gegenzug?“

Sie könne den beiden ihre Hilfe in alltäglichen Dingen wie Behördengängen anbieten, sei aber ansonsten schlicht darauf angewiesen, dass ihre Protagonisten Lust hätten, mit ihr zu drehen – dokumentarisch zu arbeiten, hieße dann sogar manchmal, sich einen Plan B zurechtlegen zu müssen. Lachin ist allerdings optimistisch. Sie berichtet, dass sie gerade deshalb zuversichtlich sei, weil sie den Eindruck habe, zwischen ihr und ihren Protagonisten bestehe das angesprochene Vertrauen.

Der Gefahr, sich in dem Film über die Geflüchteten zu erheben – und damit gerade nicht auf Augenhöhe zu sein – begegnet Lachin mit ihrer Kameraarbeit. Einerseits möchte sie verfremdend experimentell vorgehen: Perspektiven hinterfragen und im Bild verschieben. Andererseits will sie Soheil und Yasser dazu einladen, die Grenze zwischen Regie und Protagonisten aufzuweichen: Die beiden sollen sich gegenseitig filmen. Damit würden sie weniger Gegenstand eines Blicks von außen, sondern hätten Gelegenheit den Blick auf sich selbst und aufeinander mitzubestimmen. Der Versuch, einen Film als Balanceakt anzulegen, nicht über, sondern mit den Protagonisten zu arbeiten, würde so im Bild direkt sichtbar.

„Wessen Film ist es denn dann am Ende? Deiner oder der deiner Protagonisten?“, fragt eine Teilnehmerin rhetorisch. Wieder entsteht eine kleine Pause. Diesmal, weil die jungen Erwachsenen, die inzwischen auch ein Teil dieses Projektes geworden sind, genauso wie Pantea Lachin wissen, dass die Antwort bei diesem Projekt nur lauten kann: Es wird der Film beider.

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