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„Der Diskussionsstoff wird uns nicht ausgehen“

Julia Praschma

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. ist Partner der doku.klasse. Im Gespräch erklärt Geschäftsführer Joachim von Gottberg, wie wichtig Medienkompetenz gerade im Internetzeitalter ist, aber warum diese trotzdem einen effektiven Jugendschutz nicht ersetzen kann.

Reality-Formate spielen nach wie vor eine wesentliche Rolle im TV. Immer mehr Jugendliche erkennen, dass diese Formate eine Inszenierung von Wirklichkeit darstellen. Was kann ein Projekt wie die doku.klasse bei der Auseinandersetzung mit filmischer Realität leisten?

J.v.G.: Wenn man naiv und ohne Vorwissen audiovisuelle Medien anschaut, kann man leicht den Eindruck erhalten, man habe es mit abgefüllter Realität zu tun. Aber auch Berichterstattung und Dokumentarfilme bilden die Realität bekanntlich nicht ab, sondern fassen sie zusammen und treffen dabei immer eine subjektive Auswahl. Je mehr Erfahrungen die jungen Zuschauer mit der Produktion von Fernsehbeiträgen haben, desto mehr werden sie grundsätzlich der Realitätssuggestion der Programme misstrauen.
Die doku.klasse leistet hier einen wichtigen Beitrag. Wenn man versteht, wie Bilder und Geschichten ausgesucht und aufgemotzt werden, um einen Beitrag mit möglichst hoher Spannung herzustellen, lernt man, plausible Kriterien zu entwickeln, um den Wahrheitsgehalt von Fernsehsendungen zu überprüfen.

Die FSF hat mit FaMe („Faszination Medien“) eine umfangreiche medienpädagogische DVD-ROM aufgelegt. Welche Rolle spielt Medienkompetenz für den Jugendschutz? Kann oder muss in Zeiten des Internets Medienkompetenz Jugendschutz ersetzen?

J.v.G.: Durch das Internet wird uns kaum noch die Wahl zwischen der Stärkung von Medienkompetenz und der Kontrolle des Zugangs bestimmter Inhalte gegenüber Kindern und Jugendlichen, also dem Jugendschutz, gelassen. Das Internet ist nun mal nicht so zu kontrollieren wie das Kino, der DVD-Vertrieb oder das Fernsehen. Umso größer wird die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche möglichst früh und möglichst viel über die inhaltlichen und finanziellen Interessen der Medienanbieter lernen. Darüber, ob das wirklich zu einem selbstbestimmten und kompetenten Auswählen und Verarbeiten jugendschutzrelevanter Inhalte führt, können wir gegenwärtig nur spekulieren. Aber wir haben keine andere Wahl, als es zu versuchen.

Die FSF feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum. Wie hat sich über die Jahre Ihre Arbeit verändert?

J.v.G.: Zunächst einmal fällt auf, dass die damals „neuen“ Medien in die Jahre gekommen sind. Verglichen mit dem grenzenlosen Zugang, den das Internet heute gegenüber allen Inhalten bietet, war die damals befürchtete Brutalisierung des Fernsehens durch die Vermehrung der Kanäle eher harmlos. Uns es zeigt sich auch: Die prognostizierte Verrohung und Sexualisierung der Jugendlichen hat nicht stattgefunden.

Auch ein Verdienst des Jugendschutzes?

J.v.G.: Mit Sicherheit. Und das nicht nur deshalb, weil besonders problematische Inhalte ins Nachtprogramm verschoben oder in einzelnen Fällen sogar völlig verboten wurden. Wenn in Darstellungen ethische Grenzen überschritten werden und darauf ein medialer gesellschaftlicher Diskurs folgt, wird Jugendlichen klar, dass das Dargestellte außerhalb des gesellschaftlichen Normalitätskonzepts liegt. Über den Jugendschutz kann symbolisch über das gestritten werden, was der Gesellschaft an Grenzen und Tabus wichtig ist. Dieser Diskurs ist ganz gut gelungen, er hat auch die Anbieter erreicht. Viele Diskussionen von damals müssen wir heute gar nicht mehr führen, weil die Sender verstanden haben, dass bestimmte Grenzen zu Recht bestehen. Die Debatte um Scripted Reality zeigt aber, dass uns wahrscheinlich in absehbarer Zeit die Diskussionsstoffe um das, was geht oder nicht geht, kaum ausgehen werden.

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