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Gesichter sind Landschaften

Kristina Konrad

Workshop zum Projekt “Diego“ (AT) von Kristina Konrad 

Kristina Konrad hat schon viel von der Welt gesehen. Sie lebte lange in Nicaragua und drehte unter anderem in Uruguay und auf Kuba. Zu Beginn des Workshops zeigte sie Ausschnitte aus „Unser America“, einem Film über die sandinistische Revolution in Nicaragua damals und aus heutiger Sicht, und aus Weit weg von hier, einem Porträt über eine junge Frau in einem Armenviertel in Montevideo/Uruguay. Nun plant die gebürtige Schweizerin Diego (AT) und betritt damit eine für sie „unbekannte Welt“, wie sie offen zugab.

Diego, der titelgebende Protagonist, ist Anfang 20 und studiert Physik in Oxford. Ob ihn sein Weg irgendwann einmal in die Forschung oder in das globale Finanzsystem führen wird, ist offen. „Ich bin sehr neugierig, an der Seite von Diego in die elitäre Welt der Oxford-Universität und der Hochfinanz einzutauchen und sie näher kennenzulernen“, sagte sie. Diese Neugierde teilten die Workshop-Teilnehmer. Aber sie machten auch keinen Hehl daraus, dass ihnen Diego – ein sehr selbstbewusster und meinungsstarker junger Mann, in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen, Vater erfolgreich in der Finanzbranche – eher fremd ist.

Diego sei ihm nicht unbedingt sympathisch, sagte einer der Teilnehmer, und bezog sich auf die ablehnende Haltung des Protagonisten gegenüber “Weltverbesserern“ und “Gutmenschen“ und seine Argumentation pro Gentechnik und Atomkraft. Doch genau das, ergänzte ein Workshop-Kollege, könne ja auch außerordentlich spannend sein: Hinter die Fassade eines Menschen zu blicken, der zunächst einmal nicht die größte Identifikationsfläche bietet.

Kristina Konrad warnte vor „Schwarzweißdenken“: „Ich möchte die Bankenwelt nicht verteidigen“, sagte sie, „aber es gibt auch dort sehr viele schillernde und auch durchaus sympathische Menschen. Außerdem ist allgemein bekannt, dass viele Mathematiker zum Beispiel äußerst musikalisch sind. Ich sehe das Projekt deshalb auch als Chance zu überprüfen, inwieweit die Klischees und Vorurteile gegenüber Bankern zutreffen oder nicht.“ Eine gewisse Ambivalenz entdeckte die Arbeitsgruppe auch in der Figur Diegos: Auf der einen Seite strahle er im Exposé eine große Selbstsicherheit aus, die aber ins Wanken gerate, sobald die Rede etwa auf die Liebe komme. „Er scheint Angst davor zu haben, enttäuscht zu werden“, schilderte eine Teilnehmerin ihren Eindruck. Darüber würde sie gerne mehr erfahren.

„Dass das Thema Liebe auf Interesse stößt, hat mich nicht überrascht“, sagte Kristina Konrad nach dem Workshop, „denn wen interessiert die Liebe nicht? Für mich war die Reaktion aber schon auch eine Bestätigung, diesem Aspekt im Stoff eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.“ Auch dass Diego den meisten Teilnehmer zunächst vor allem als „privilegiertes, reiches Kind“ vorgekommen sei, habe sie nicht erstaunt. „Natürlich ist das immer auch eine Frage der Perspektive. Zuschauer, die eher aus einem Upper-Class-Zusammenhang stammen, würden höchstwahrscheinlich andere Schlüsse ziehen.“

Froh war die Regisseurin im Nachhinein darüber, dass Diego der Gruppe als Person und Protagonist im Laufe der Diskussion nähergekommen sei – einerseits durch sein Hadern mit der Liebe, andererseits durch sein von großer Nähe geprägtes und vielschichtiges Verhältnis zu seinem Vater. „Sein Vater ist für Diego offensichtlich nicht nur Papa, sondern auch eine Art Geschäftspartner oder Arbeitskollege“, analysierte eine Teilnehmerin. Großen Zuspruch fand daher auch der Plan Konrads, Vater und Sohn bei einer gemeinsamen Unternehmung, zum Beispiel einer Bergwanderung, zu begleiten, um ihre Beziehung genauer zu beleuchten.

Eher kontrovers wurde dagegen die Idee diskutiert, Diego auf der Gitarre Lieder spielen zu lassen und sie möglicherweise als Soundtrack zu verwenden. Einer der Einwände lautete: Diego würde damit nur eine weitere Bühne für seinen Hang zur Selbstdarstellung geboten, auf der er zeige könne, was er sonst noch so kann. Die Gegenseite argumentierte: Musik sei ein sehr persönlicher Ausdruck und könne Diego als Figur sympathischer machen. Außerdem wurde ein solcher “Selfmade-Soundtrack“ als interessantes Stilmittel gelobt.

Für Kristina Konrad ist Film, wie sie betonte, immer auch Manipulation. „Mein Ziel ist es, diese Manipulation möglichst offen zu zeigen.“ Als Beispiel führte sie die Verwendung von Off-Texten an. Damit ginge sie eher vorsichtig um, da man mit O-Tönen aus dem Off im Prinzip alles machen könne – sie kürzen, sie neu und anders zusammensetzen, ganz nach seinen Wünschen. „Auch wenn mir bewusst ist, dass es heute nicht mehr unbedingt ‚in‘ ist, in einer Gesprächssituation die Fragen drin zu lassen, finde ich es trotzdem wichtig. Denn dadurch bekommt der Zuschauer ein Bild davon, wie klug oder dumm der Regisseur fragt.“ Zudem, so die Filmemacherin, sei der Moment extrem spannend, wie der Protagonist dem Befragenden zuhört und wie er auf dessen Fragen reagiert: „Gesichter sind Landschaften.“

 

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