Atelier

„Zugänge sind spielentscheidend“

Jonas Heldt war zum ersten Mal zu Gast bei der doku.klasse und stellte seinen Rohschnitt Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen (AT) vor. Mit im Gepäck: zwei seiner vorherigen Dokumentarfilme Station/Pathologie (2013) und Hinterwelten (2014).

In allen drei Projekten fällt den Teilnehmer*innen auf, dass Jonas Heldt ein Interesse dafür hat, Verschlossenes zu öffnen: Die Entscheidungsprozesse auf einer pathologischen Station, das Leben im Grenzgebiet zwischen Bayern und Tschechien oder – wie im aktuellen Projekt – die Biografie der 20-jährigen Lagerhelferin Seda, die bei dem Autohersteller Audi in einem Leiharbeitsverhältnis befristet angestellt ist.


Fasziniert steht die Klasse vor der Frage: „Wie kommst du in diese Orte rein?“ Heldt: „Beim Dokumentarfilm sind Zugänge spielentscheidend.“ Dazu braucht er ein persönliches Verhältnis, das lange, bevor er dreht, entsteht. Seda habe er, so der Regisseur, vor über einem Jahr kennengelernt, als die junge Frau ihn bei den Recherchebesuchen im Logistikbereich des Audi-Werks angesprochen habe. „Sie hat mich ausgesucht.“ Heldt ist wichtig, klar und offen zu formulieren, worum es ihm bei einem Projekt geht, was sein Thema ist. „Hat es Absprachen gegeben, Erwartungen des Unternehmens an den Film?“, hakt ein Teilnehmer nach. Die Antwort: „Nein, ich darf immer alles filmen, sonst fange ich gar nicht erst an.“


„Ein guter Film hat für mich immer etwas Universelles“

Das Projekt zeichnet sich durch seine starke Protagonistin aus, darin sind sich alle Teilnehmer*innen einig, „facettenreich und emanzipiert.“ Seda macht deutlich, was ihr an dem Job liegt – um ihre eigene Wohnung außerhalb des strengen Elternhauses zu halten –, aber eben auch, dass gerade dieser Job ihr gefällt. Beim Vormontieren von Zigarettenanzündern schätzt sie die Nachtschicht, die Bewegung und die Struktur. Um ihre Zukunft selbst zu gestalteten, würde sie gerne eine Ausbildung zur Logistik-Fachkraft machen. Vom Arbeitsamt wird ihr jedoch ein Kurs für den Gabelstaplerführerschein vermittelt. „Das wird in Zukunft interessant, weil nächstes Jahr autonome Gabelstaplerfahrer eingeführt werden“, ergänzt Jonas Heldt.

Eine Teilnehmerin möchte wissen: „Was steht bei dem Film für dich im Fokus; Emanzipation, Sedas Migrationshintergrund, ihr Kampf um eine unbefristete Anstellung?“ „Das finde ich eine ganz tolle Frage, die möchte ich gerne genauso zurückgeben“, antwortet Heldt begeistert, „denn ein guter Film hat für mich eigentlich immer etwas Universelles.“ Eine andere Teilnehmerin: „Für mich ist die Frage zentral, lebt sie fürs Arbeiten oder arbeitet sie fürs Leben. Das ist Kapitalismuskritik.“

In dem Zusammenhang fällt auf, dass im Treatment ein Zweitjob an einer Tankstelle erwähnt wird, der im Film nicht vorkommt: „Der Teil ist wichtig, um ihre Notsituation zu verstehen, sich die Wohnung leisten zu können“, lautet dazu eine Meinung. Dieser Nebenaspekt findet in der 30 Minuten Fassung bis jetzt keinen Platz, aber es steht auf einer Liste für Szenen, die eventuell wieder zurückkehren, erklärt Jonas Heldt.

Die Fülle an Themen schafft für den Regisseur auch mehrere inhaltliche Zugänge, die er für einen Film im Fernsehen wichtig findet. Denn für TV-Ausstrahlungen ist es schwieriger als im Kino, die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen zu halten. „Hat diese Erkenntnis, dass im Fernsehen eher umgeschaltet wird, deinen Schnitt beeinflusst?“, fragt eine Teilnehmerin. Die verschiedenen Anknüpfungspunkte würden insofern genutzt, als dass der Film es zulasse, nach dem Verpassen von einem Teil, wieder einen Einstieg zu finden, da er auf verschiedenen Ebenen zusammenlaufe, sagt Heldt: „Mir ist es wichtig, dass den Film viele Leute sehen – denn er geht viele an.“