SCHWIMMEN GEGEN DEN STROM | BRENDA AKELE JORDE
Als Kind schlich sich Amine in Benin gegen das Verbot seiner Eltern ans Wasser und wäre dabei fast ertrunken. Die Angst blieb, ebenso die Überzeugung, Schwimmen sei etwas für Weiße. Erst mit 45 Jahren wagte er sich in Berlin ins Becken. Heute leitet er dort eine Schwimmgruppe für Schwarze Menschen. Ihre Angst vor dem Wasser ist oft tief verwurzelt: Viele haben Angehörige oder Freund*innen durch Ertrinken verloren. Einige sind über das Mittelmeer geflohen und haben dort traumatische Erfahrungen gemacht. Gemeinsam lernen sie, sich dem Wasser anzuvertrauen. Amine will verstehen, warum so viele Schwarze Menschen nie schwimmen gelernt haben. Dabei stößt er auf eine kollektiv verdrängte Vergangenheit von Kolonialismus und Versklavung, die auch in der Gruppe neue Perspektiven auf Herkunft, Körper und Selbstbild eröffnet. Er selbst bereitet sich auf die Traversée vor: fünf Kilometer im offenen Meer von Dakar zur Île de Gorée. Von dieser Insel wurden einst unzählige Menschen in die Versklavung verschleppt. Wer heute dorthin schwimmt, erinnert auch an sie.
KIND DER UTOPIE | KONRAD SCHLAICH
Abends sitzen in der K77 alle gemeinsam am Tisch: rund 25 Erwachsene und Kinder, die sich Kochdienste, Duschen und Entscheidungen teilen. Afras Eltern haben das Haus in der Kastanienallee 1992 mitbesetzt. Heute erinnert es mitten im gentrifizierten Prenzlauer Berg an eine Zeit, in der solche Projekte keine Seltenheit waren. Afra (18) ist hier mit vielen Erwachsenen als Bezugspersonen aufgewachsen. Das Leben im Kollektiv hat sie geprägt, doch nach dem Abitur will sie ausziehen. Sie fühlt sich von den Älteren eingeengt und sucht ein Leben mit mehr finanzieller Sicherheit als das ihrer Eltern. Ihr Vater Christoph (60) sieht das Haus als sein Lebenswerk und hofft, dass die Kinder des Hauses eines Tages zurückkehren, denn die Gemeinschaft altert. Zwischen Hausprojekt und erster Studenten-WG erzählt das Porträt davon, was von einer Utopie bleibt, wenn sie in die Jahre kommt.
