Atelier

„Jede Szene braucht noch etwas Liebe“

Der Stoff „Gesundbrunnen Odysseus“ von Kilian Helmbrecht handelt von der schwierigen Wohnungssuche in Berlin und der Frage, wo die Reise für den jungen Protagonisten Raffly nach dem Studium hingeht. Für den Regisseur ein Projekt, das Flexibilität verlangt. Der zweite Termin in der doku.klasse ist etwas zwischen Workshop und Rohschnittsichtung. Da 3sat die Drehtermine nach hinten verschoben hat, bleibt Kilian mehr Zeit für den finalen Schnitt. Eine gute Gelegenheit, sich in Duisburg zu treffen, den aktuellen Stand zu besprechen und vor allem Filmmaterial anzuschauen.

 

 

Der Rohschnitt kommt sehr gut an und die Erwartungen in Bezug auf die Präsentation des Protagonisten Raffly haben sich erfüllt. Auch beim zweiten Workshop mit Kilian Helmbrecht wird deutlich, wie viele Identifikationsmomente das Thema für die Gruppe bietet. Sei es die Wohnungssuche, die Überlegungen, was man am besten nach der Schule oder nach dem Studium macht, das Balancieren zwischen verschiedenen sozialen Rahmen oder ganz konkrete Erfahrungen mit Alltagsrassismus, die schon bei einem ungewöhnlichen Nachnamen spürbar sind. Thema ist auch die Präsenz von Kilian Helmbrecht selbst im Film. In der letzten doku.klasse nur theoretisch besprochen, sehen wir nun den Regisseur im Bild, hören seine Fragen an Raffly oder ihn die plötzliche Frage eines Passanten nach ihrer Herkunft beantworten: „Ruhrgebiet!“. Der transparente Ansatz des Cinema Vérité, den der Filmemacher hier wählt, wird als besonders passend empfunden. Es lasse, so der allgemeine Tenor, etwa die Wohnungsbesichtigungen authentisch wirken und verschleiere nicht, dass die Kamera anwesend ist und sogar einen Effekt auf das Ergebnis haben könnte. Einzelne Szenen werden genauer besprochen, wie etwa jene, in der Raffly beim Beten gezeigt wird. Eine Teilnehmerin merkt hier an, dass das selbstverständlich Teil seines Alltags ist, aber gerade dadurch, dass die Szene im Film ist, die Gefahr bestehen könnte, seine Religion besonders herauszustellen und sie daher gut eingebettet werden sollte. Das Resümee des Regisseurs: „Es ist noch ein bisschen was zu tun, aber ich habe heute eine Menge gute Ideen mitgenommen.“ Im

Anschluss an den Workshop führte doku.klasse Teilnehmerin Lena Tuitjer ein kurzes Interview mit Kilian Helmbrecht.

Wie hast du eigentlich deinen Protagonisten kennengelernt?

Über Leute, die ich zufällig mal in Hamburg kennengelernt habe und einfach ganz sympathisch fand. Über den Bekanntenkreis war ich dann mal in Berlin bei einem Kulturverein und habe dort mein Projekt vorgestellt. Raffly kam danach auf mich zu und sagte, er hätte Lust dazu.

Erzähl uns doch gern etwas über die bisherigen Dreharbeiten.

Was schon relativ früh bei dem Film klar war: Das Drehen wird genauso irre wie die Wohnungssuche in Berlin selbst. Man erwartet, dass man jemanden durch ein paar WGCastings begleitet. Dann wurde klar, es geht nicht um WGCastings, sondern eine Wohnungssuche. Der Zeitrahmen ist ein anderer. Es geht nicht um drei, sondern neun Monate. Da kann ganz viel passieren. Es deutet sich auch an, dass andere interessante Dinge passieren. Dann das Maß zu finden, dabei zu sein, aber nicht zu viel dabei zu sein – weil ich ja auch nicht die ganze Zeit danebenstehen und der Person auf die Nerven gehen will. Man muss sich also zurücknehmen und nur da sein, wenn es wirklich relevant ist. So kann man ja auch Vertrauen erzeugen.

Das ist dir offenbar gut gelungen!

Mir war es wichtig, einen Film zu machen, bei dem ich spüre, wie er entstanden ist und wie das Verhältnis zwischen Regie und Protagonist ist. Im Laufe des Drehs haben Raffly und ich uns dann auch miteinander angefreundet. Und ja: Man kann das auch spüren, dass es ein entspanntes und vertrautes Verhältnis ist.

Wie gefällt dir die Arbeit mit der doku.klasse bislang?

Das Spannende an der doku.klasse ist für mich, dass man, während ein Film entsteht, die Möglichkeit bekommt, sich darüber auszutauschen und den Film im Prozess gemeinsam mit dem Publikum zu schauen und wirklich in das Thema einzusteigen. Als ich letztes Jahr hier war, hatte ich gerade die ersten Drehtage hinter mir. Es war noch sehr, sehr offen, in welche Richtung sich dieser Stoff entwickelt. Es war nur schon klar, dass sich die Dinge nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte, ereignen würden. Was sich damals schon abzeichnete, war, dass die Dinge, die ich an dem Thema interessant finde, auch die Teilnehmer*innen der doku.klasse interessant finden. Es gibt da eine gemeinsame Schnittmenge. Es ist manchmal etwas sperrig, darüber zu reden. Aber vielleicht entsteht am Ende ja ein Film, der es schafft, ganz unsperrig darüber zu reden, indem eine Person dabei beobachtet wird, wie sie sich durch Berlin bewegt und versucht, einen Job, ein Visum und eine Wohnung zu finden.

Wir bleiben gespannt und freuen uns auf die Festivalpräsentation in 2024!